Der Newsletter des FDP-Bundestagsabgeordneten Thomas Sattelberger lädt mit interessanter Wortwahl und Stilblüten zur Interpretation ein.

Stilblüte auf der Haut brennen

FDP-Politiker Sattelberger: Wenn er nicht sitzt, steht er. (Bildschirmfoto)

Stilblüten (1) Nicht-

Der FDP-Bundestagsabgeordnete meines Wahlkreises, Thomas Sattelberger, unterhält einen Newsletter, in dem er über seine Tätigkeit im Auftrag seiner Wähler berichtet. Ich lese das durchaus interessiert, weil ich in den Tagesschau-Ausschnitten immer wieder leere Sitze im Parlament sehe und mich frage, womit Abgeordnete ihre Zeit verbringen. In dem Newsletter erfahre ich es. Dazu enthält er diese Woche Formulierungen und Stilblüten, die ich diesem Blog nicht vorenthalten möchte. So schreibt Sattelberger gleich im ersten Absatz von

Nichtsitzungswochen.

Sicher meinte er

sitzungsfreie Wochen.

Der Amtsschimmel wiehert über diesen Klassiker aus Verwaltungs- und Rechtssprache. Sattelberger war vor seiner Politikerkarriere u.a. Personalvorstand der Telekom. Zwanglos reiht er sich bei den Medienschaffenden ein, denen ebenfalls kein treffendes Wort mehr einfällt, sondern die mit den „Nicht-igkeiten“ einen kolossalen Trend geschaffen haben.

Verstehen Sie mich richtig. Ich finde es prinzipiell eine gute Idee, mit den Wahlberechtigten seines Wahlkreises durch einen Newsletter in Kontakt zu treten oder zu bleiben. Aber Formulierungen wie diese verströmen den Hauch des Prätentiösen. Das gilt auch für den Titel #notiTSen. Das # als Hashtag-Imitat ist okay, die Kleinschreibung kauft man dadurch mit, so geht’s bei Twitter zu. Der Knackpunkt sind die Initialen TS statt des z in der Mitte: Sie machen es einerseits prägnant, aber auch, nunja, ichbezogen. Ich meinte natürlich persönlichkeitsstark und originell: Hier spricht Herr Sattelberger.

Stilblüte auf der Haut brennen

Sattelberger spricht: Brennt es unter den Nägeln oder auf der Haut? (Bildschirmfoto)

Stilblüten (2): Auf der Haut brennen

Zunächst wollte ich nur die Nichtsitzungswochen für einen Sammelbeitrag beiseite legen. Dann aber las ich weiter und kam noch zu der wunderschönen Stelle, an der Sattelberger von einer Rede über Digitalisierung vor jungen Berufstätigen in Hamburg schwärmt. Niemand habe den Raum vorzeitig verlassen, man habe gespürt, wie das Thema den jungen Menschen

auf der Haut brennt.

Das war der Moment, in dem ich beschloss, mein geplantes Thema für heute zurückzustellen und Herrn Sattelberger einen Beitrag zu widmen. Obwohl sein Stil (bzw. der seines Assistenten) insgesamt flüssig und anschaulich ist, muss man sagen, dass hier was schiefgelaufen ist. Die fleißigen Autoren der Wikipedia pflegen eine Liste der deutschen Redewendungen. Unter H findet sich zu Haut

auf der faulen Haut liegen

mit der Bedeutung ausspannen, sich entspannen, faulenzen, die Arbeit ruhen lassen. Ich bin sicher, das möchte Herr Sattelberger den Besuchern nicht vorwerfen. Wahrscheinlich wollte er sagen, dass das Thema

unter den Nägeln brennt.

Das führt die Wikipedia unter dem Buchstaben N  mit der Bedeutung sehr dringend sein – und war doch wohl gemeint.

Wortwahl Geflüchtete Flüchtlinge

Sattelberger schreibt: Geflüchtete statt Flüchtlinge? (Bildschirmfoto)

Wortwahl: Geflüchtete, einhegen

In der ziemlich langen Ausgabe lese ich weiter unten von der Integration Geflüchteter. Geläufig sind Flüchtlinge, doch manche Sprachwissenschaftler argumentieren, die Endsilbe -linge würde verniedlichen. Ist die Alternative ein sperriges Partizip? Geflüchtete, wirklich? Hier spüre ich eine Prise politische Korrektheit.

Aus Anlass eines Osterbesuchs in Jerusalem bekennt sich Sattelberger zum Existenzrechts Israels, und schreibt dann, wir

. . . müssen diejenigen einhegen, die auf beiden Seiten den Versöhnungsprozess immer wieder torpedieren.

Einhegen . . . da muss ich kurz im Duden nachschlagen. Ah, beschränken oder begrenzen möchte er. Wahrscheinlich den Wildwuchs vor Ort. Seltene Vokabeln sind auch ein Weg, vage zu bleiben.

Zum Titel des Newsletter noch eine Anmerkung. Notizen aus Berlin – das erinnert mich an die Kabarettsendung Notizen aus der Provinz, in der Dieter Hildebrandt in den späten Siebzigern Politiker aufs Korn nahm. Ein Schelm, der Böses bei diesem Titel denkt.

Wie ich oben sagte: Gut, dass Sattelberger mit seinem Newsletter Einblick in seine Arbeit gibt. Diese Ausgabe ist deutlich zu lang, weniger wäre mehr. Der Gedanke kommt auf, ob Politiker Allmachtsphantasien haben, wenn sie meinen, sie müssten sich um so viele Angelegenheiten kümmern. Und natürlich die Frage: Wenn ich einen Newsletter mache, warum bin ich nicht konsequenter in meiner Ansprache? Demokratie ist auch Volksnähe. Verständlichkeit und Klarheit müssen nicht gleich Stammtisch bedeuten.

Dem würde Sattelberger wohl entgegenhalten, dass er sich durch seinen Sprachgebrauch als Individuum inszenieren möchte. Das tut er. So stehen diese Formulierungen symbolisch für die Entfremdung der Politik von der sog. Basis – um hässliche, heute häufig gebrauchte Worte wie Kluft oder gar Spaltung zu vermeiden.

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