Ein kritischer Geist gehört zu den wichtigsten Eigenschaften eines Journalisten. Daher schreibt er viel über Scheitern. Ein kurzer Überblick über Formen und Umstände.

Spektakulär scheitern ist ein verstecktes Kompliment

Spektakulär scheitern – Abgang mit Ritterschlag (Bildschirmfoto)

Als Schreiber steht man häufig vor der undankbaren Aufgabe, über Missgeschicke zu berichten und/oder die Verantwortlichen zu kritisieren. Basisvokabular ist hier das Scheitern. Das einfache Scheitern genügt nicht sondern wird seit Alters her je nach Fall und Gusto mit einem Adverb verstärkt. Je nachdem, wie Sie zum Verurteilten stehen, sind vier Formen in Deutschland gängig.

Scheitern, spektakulär

Jetzt aber schnell, bevor er weg ist. Ich spreche von Martin Schulz und enthalte mich ausdrücklich einer persönlichen Wertung. Worum es mir geht, ist der sprachliche Umgang mit seiner unrühmlichen Karriere, an der sich beispielhaft zeigen lässt, wie man scheitern kann: Nämlich nicht nur einfach so, sondern spektakulär, wie hier bei SpOn.

Schlechte Nachrichten verkaufen sich besser als gute. Das macht einen Fehlschlag interessanter als wenn etwas glückt. Aber eine einfache schlechte Nachricht genügt nicht – dick auftragen macht das Scheitern . . . richtig: spektakulär. Nur in Technicolor geht ein Niedergang erst so richtig in Flammen auf. Der Trick an dieser Formulierung erklärt sich im Subtext: Mit der Verwendung dieses Adjektivs zeigt sich der Meister der Dialektik. Denn obwohl badenzugehen etwas Negatives ist und ich als Schreiber den Gescheiterten kritisiere, kann ich in dieser Variante gleichzeitig mein Wohlwollen zeigen, Mitgefühl zeigen (vgl. die Schlagzeile) und ein stilles Kompliment aussprechen.

Scheitern, krachend

Das sieht bei Donald Trump ganz anders aus. Während Martin Schulz als sympathischer Verlierer verkauft wird, hat man sich in deutschen Medien auf den amerikanischen Präsidenten eingeschossen. Egal, was er tut, der Leser kann sicher sein, dass es etwas zu meckern gibt. (Ich sage auch das ohne jede persönliche Beteiligung). Er beflügelt sogar Wortspiele. Das Schöne ist: Der Schreiber hat nichts zu befürchten, etwa, dass ihn Martin Schulz nie wieder zum Interview empfängt oder die SPD nicht mehr zur PK einlädt. Der US-Präsident dagegen ist weit weg und hat andere Probleme als deutsche Medienvertreter. Das heißt sprachlich: Feuer frei. Wenn bei Trump also etwas scheitert, dann selbstredend krachend – s. dies Beispiel bei SpOn, erster Satz im Lauftext. Krachend zu scheitern ist nicht nur herrlich kraftvoll-saftig im Klang, sondern beinhaltet zugleich eine gewisse Schadenfreude, vielleicht auch eine Prise Häme und Hohn. Die ersten beiden Formen wurden nach meiner Beobachtung zuletzt häufiger verwendet.

Scheitern, kläglich

Diese Variante gehört zu einem der beiden Klassiker, für den ich im Spiegel-Archiv sogar ein Beispiel aus dem Jahr 1989 gefunden habe. Sie bedeutet, im Ansatz versagt zu haben. Das ist eine scharfe Form der Kritik. Denn kläglich bedeutet mitleiderregend und wird mit der Nebenbedeutung jämmerlich gern abwertend verwendet, wie der Duden sagt. Als jemand, der versucht, sich klarzumachen, mit welchem Kaliber er auf Jagd geht, frage ich mich, ob man nicht in den meisten Fällen mit einer Kanone auf Spatzen schießt? Dass es trotzdem verwendet wird, zeigt m.E., dass zu selten über diese Frage nachgedacht wird.

Scheitern, grandios

Die sprachliche Urform des Scheiterns ist grandios. Das geht aber gar nicht. Warum? Hier. Da sie besonders abgenutzt ist, las man sie zuletzt weniger – was mich, der Phrasen verabscheut, freute.

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