Wie steigert man das Adjektiv hochrangig? Hochrangiger, hochrangigst oder höherrangig, höchstrangig? Über Sinn und die Kraft der Gewohnheit.

Höchstrangig vs. hochrangigst

Roman „Der Sympathisant“: Militärische Hierarchie macht steigern leichter. (@Blessing Verlag)

Dass Lesen bildet, ist eine Binse, wiewohl wahr. Aber besser noch: Lesen regt zum Nachdenken an. Mitten im Satz kann es geschehen, dass ich über etwas stolpere, einen Gedanken, eine Äußerung, eine Formulierung, die mir seltsam vorkommt, ein Wort, dass mich zum Innehalten auffordert.

Was geschieht da? Ich entdecke etwas, das im Widerspruch zur Logik steht. Und dann wundere ich mich darüber, dass dieser Widerspruch geschrieben, gedruckt und veröffentlicht wurde, und damit etwas Falsches zum Richtigen erhoben. Kraft Gebrauch und Gewohnheit geadelt. Ich wundere mich über die normative Kraft des Faktischen.

Natürlich könnte man darüber hinweggehen, weil es an der Aussage des Textes oder dem Wert des Buches nichts ändert. Nur dass ich es nicht ignorieren kann, dass ich stolperte, und einen Platz kenne, an dem ich meine Stolperstellen festhalte. Hier.

So geschah es kürzlich während der Lektüre des Sympathisanten, eines weiteren Pulitzer-Preisträgers, den ich gerade lese. Auf S. 21 der gebundenen Ausgabe fand ich den Satz:

Am Abend des gleichen Tages . . .  sagte ich dem General, dass ich  . . . den hochrangigsten Offizier ausgewählt hätte.

Hochrangigst: Steigt die Höhe oder der Rang?

Machen wir uns das gedanklich klar. Wir sprechen von einem hohen militärischen Rang. Wenn wir den Offizier befördern, wird der Rang zunächst höher, irgendwann erreicht er seine höchste Position. D.h. von beiden Wortteilen, hoch und rangig, ist es inhaltlich gesehen sinnvoll, den ersten Teil zu steigern. Demnach würde aus hochrangig im Komparativ höherrangig und im Superlativ höchstrangig. Ich gebe zu, dass klingt für unsere Ohren schon ungewöhnlich, weil wir uns an hochrangigst gewöhnt haben. Weil wir es bei anderen Adjektiven richtigerweise so tun, zum Beispiel bei schwerfälligst. Weil wir nicht mehr nachdenken. Weil Einheitlichkeit einfacher ist. Weil wir bequem sind und den Weg des geringsten Widerstandes wählen.

Was dazu führt, dass wir das genaue Gegenteil vom Sinnvollen und logisch Richtigen tun. Ich finde das merkwürdig. Wahrscheinlich ist es nur menschlich. Immerhin beweist es ein weiteres Mal meine These, dass auch dem Sprachgebrauch eine Ökonomie innewohnt. Der Duden, immerhin, schlägt ebenfalls höher- und höchstrangig als Steigerung vor.

Zäumen Sie das Pferd nicht von hinten auf

Ich habe im Zwiebelfisch ein Bild für die Steigerung mehrteiliger Adjektive gefunden, das man sich leicht merken kann. So wie man ein Pferd nicht von hinten aufzäumen soll, soll man Adjektive auch nicht von hinten steigern. Dieser Beitrag war dann auch keine Stilfrage, denn die sind willkürlich und geschmäcklerisch. Und vielleicht wusste jemand nicht, wie es richtig geht. In dem Fall war dieser Eintrag sogar aufklärerisch und nützlich.

Die Steigerung mehrteiliger Adjektive habe ich in einem früheren Beitrag systematisch behandelt.

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