Im Dezember gibt es einen klaren Gewinner im Wettbewerb um den Konjunktiv des Monats: Ich fand hülfe statt helfen würde preiswürdig.

leiden unter Kopfschmerzen: Unlogisch, aber richtig

Leid als Stichwort: Whiteheads Roman handelt von der Sklaverei in den USA

Wieder ist es die Übersetzung eines Pulitzer-Preis-Gewinners: Colson Whiteheads Roman „Underground Railroad“ liefert den Stoff für den nächsten Konjunktiv des Monats, fein verwoben in folgender Formulierung:

Der Mann half ihr, auf ebenen Boden hinunterzusteigen, als hülfe er einer Lady aus der prächtigsten Kutsche.

Darselbst auf S. 175 der gebundenen Ausgabe aus dem Hause Hanser zu finden.

Sie sehen, sehr geschickt wurde hier durch den zugegeben schon altertümelnden Konjunktiv hülfe die Formulierung helfen würde vermieden; die wiederum hätte entlarvt, dass auch das Verb im Hauptsatz helfen ist. M.a.W. eigentlich ist die Formulierung recht plump, weil in einem Satz zweimal dasselbe Verb verwendet wird. Lesen Sie die Stelle bitte so:

Der Mann half ihr, auf ebenen Boden hinunterzusteigen, als würde er einer Lady aus der prächtigsten Kutsche helfen.

Nicht dasselbe, oder?

Konjunktiv: würdelos am besten

Wie Sie auch sehen, ist Deutsch im Grundsatz eine „würdelose Sprache“. Es hat sich nur umgangssprachlich eingebürgert, die Umschreibung mit würde zu verwenden. Mein Tipp: Denken Sie beim Texten an die Leser. In einem gehobenen sprachlichen Erzeugnis wie einem Roman – so wie hier – ist hülfe die Lösung Ihrer Wahl; in einem sprachlichen laxeren Umfeld, vom Magazin- bis zum Blogbeitrag, ist helfen würde eine Alternative, die Sie durchaus in Betracht ziehen dürfen. Das hat der Übersetzer Nicolaus Stingl gut erkannt und nicht nur angemessen, sondern elegant gelöst.

Drittens möchte ich Ihnen als kleine Regel an die Hand geben, dass zweisilbige Infinitive mit -e als Vokal besonders gern unregelmäßige Konjunktive bilden. Denken Sie neben helfen zum Beispiel an

  • geben (gäben),
  • sehen (sähen),
  • stehen (stünden)
  • nehmen (nähmen),
  • lesen (läsen),
  • gehen (gingen)
  • sprechen (sprächen) oder
  • denken (dächten).

Wenn Sie also beim nächsten Mal texten und dabei über Ihr nächstes Verb entscheiden, geben Sie einem solchen den Vorzug. Dann haben Sie die Chance, einen piekfeinen, astreinen, blütenweißen Konjunktiv zu bilden.

In diesem Sinne mein Wunsch fürs kommende Jahr: Bleiben Sie würdelos. 🙂

Mehr Konjunktive? Hier geht’s zum Liebling des Monats November.

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