Gendern kann anstrengend sein und zu umständlichen Formulierungen führen. Daher erfordert es beim Texten Aufmerksamkeit und Kreativität. Ein Beispiel, Fundstücke und konkrete Hilfen.

(27.5.2017, aktualisiert am 23.10.2020 und 11.12.2020) Zum Glück kommt die Anforderung, geschlechtergerecht zu texten, nicht allzu oft vor. Für jemanden wie mich, der dichte Texte bevorzugt, ist die Redundanz, die strenges Gendern mit sich bringt, ein Graus. Eine allzu starre Regelung führt zu ästhetischen und inhaltlichen Schwierigkeiten, doch mit etwas Überlegung, Geschick und Kompromissfähigkeit lässt sich meist tauglich texten.

Gestern hatte ich Gelegenheit, über eine lustige Stelle zu stolpern. Eric Gujer, Chefredakteur der NZZ, schrieb nämlich in seinem Newsletter über die aktuellen Probleme der Bundeswehr:

Ursula von der Leyen, sonst ein echter Profi, verhielt sich amateurhaft.

Dies ist ein korrekt gebildeter Satz, aber die Ministerin wird –übertragen – als Minister angesprochen. Es ging mir durch den Kopf, wie man den Satz wohl gendern könnte, also die grammatisch männliche Form Profi in eine weibliche überführen. Dann käme man bei wörtlicher Übertragung auf:

Ursula von der Leyen, sonst eine echte Professionelle, verhielt sich amateurhaft.

Und das hat dann prompt ein Geschmäckle, denn Frau von der Leyen ist alles, aber keine Bordsteinschwalbe. Also muss man umschreiben:

Ursula von der Leyen, sonst eine echte Fachfrau, verhielt sich amateurhaft.

Das ist nicht dasselbe, vom Wort her sowieso, aber auch inhaltlich, denn ein Amateur könnte auch ein Fachmann sein, in einem seiner Hobbys zum Beispiel. (Das gilt selbstverständlich auch für die Fachfrau, wobei wir bei der Redundanz wären.)

Ich fing also an, ein bisschen zu graben, und stieß dabei auf drei Stellen im Netz, die ich hier teilen möchte. Die eine, weil ich sie profund finde, die andere, weil sie unterhaltsam ist, und die dritte, weil sie Lösungen bietet.

Zwei Fundstücke zum Gendern

In seinem Aufsatz „Sprachfeminismus in der Sackgasse“ hat Herr Arthur Brühlmeier ein paar eindrucksvolle Beispiele gesammelt, wie Gendern Sprache verunzieren kann. Für alle, die gern ins Grundsätzliche gehen, erklärt er auch noch einmal sachlich die Quelle allen Übels, nämlich den Unterschied zwischen Genus (grammatischem Geschlecht) und Sexus (natürlichem Geschlecht).

In der Gruppe „Deutsch für Profis“ fand ich einen Strang, in dem einige sprachgewandte Xing-Angehörige sich schlagfertig darüber austauschen, wie sich das Wort Mitglied gendern ließe. (Wobei man sagen muss, dass die Frage eine Provokation ist, da das Mitglied grammatisch Neutrum ist und daher in der Realität sowohl Mann als auch Frau sein kann.)

Gendern – nochmal das Problem

(Aktualisierung, 23.10.20). Die Zeit vergeht, und mit ihr wird die Notwendigkeit des Genderns stärker: Das Phänomen breitet sich aus. Kürzlich hatte ich den Fall eines Gewinnspiels. Der Kunde entschloss sich, aus Teilnehmern Teilnehmende zu machen. Das ironische Ende: Das Wort Gewinner blieb im Text stehen, weil Gewinnende doch sehr ungewohnt klingt – und eigentlich Gewonnen Habende heißen müssten, weil es um die Benachrichtigung der Gewinner ging.

Das führt noch einmal zum Kern des Problems. Der Unterschied zwischen grammatischem und natürlichem Geschlecht betrifft die Ursache. Mit Problem meine ich an dieser Stelle die Lösungen, die daraus resultieren. Eine Sprache unterscheidet – ganz grob – in zwei wichtige Gruppen von Wörtern: Substantive und Verben.

  • Substantive bezeichnen Personen oder Dinge (z.B. Teilnehmer),
  • Verben beschreiben Handeln (hier im Infinitiv: teilnehmen.)

Das ist ein Unterschied, der nun verschwindet. Indem wir eine Verbform wie die Verlaufsform -nd zu einem Substantiv erheben, machen wir ein Verb zum Hauptwort. Das ist nur im Ausnahmefall zulässig, wenn es  kein Substantiv gibt; als Regelfall ist es ein Zirkelschluss, weil eben die Ausnahme zur Regel gemacht wird, indem ein Verb die Funktion eines Substantives übernimmt.

Hinweise auf Hilfen

Zum Schluss noch drei Links:

  1. Der erste führt auf die Webseite der LMU. Dort finden Sie einen Leitfaden, der ohne Binnen-I und Sternchen auskommt, und doch mehr Ausgeglichenheit erreicht. Wahlleute, eine Formulierung von Spiegel Online, gehören nicht dazu.
  2. Der zweite bringt sie zum Genderator, einem Online-Genderwörterbuch. Ich kann nicht sagen, dass ich mit allen Vorschlägen dort einverstanden oder glücklich bin, aber zumindest entstehen Inspirationen und Reflexion, weil Lösungen für mögliche Stolpersteine angeboten werden. Ob Sie sie verwenden wollen, ist Ihnen dann immer noch überlassen.
  3. (Aktualisierung, 11.12.2020) Wer sich ausführlicher mit dem Gendern beschäftigen möchte, dem sei ein Onlinekurs auf LinkedIn ans Herz gelegt. In pädagogisch fein abgestimmten Video-Lektionen stellt die Trainerin anhand vieler praxisnaher Beispiele funktionierende Lösungen vor – ohne Sternchen und Binnen-Is, aber dafür mit dem Ziel, die beiden Erfordernisse in Einklang zu bringen: Gut verständliche Texte zu schreiben und die Frau in der Sprache sichtbarer werden zu lassen.

Auch die Rechtschreibung selbst bleibt weiter ein Stolperstein beim Texten. Beim Studi-Kompass habe ich eine praktikable Online-Prüfung gefunden.

5 Responses to Wie gendert man richtig?
  1. […] So ganz nebenbei spielen die Leute statt der Männer auch dem Gendern in die Hände, denn in Leuten können sich Männer und Frauen wiederfinden. Und dies nicht so […]

  2. […] Eine eng verwandte und sehr kitzlige Frage ist das Gendern. […]

  3. […] der täglichen Arbeit merke ich: Das Gendern kommt auf breiter Front. In den heute-Nachrichten hörte ich Petra Gerster eine Pause vor -innen […]

  4. […] gegen das Gendern sprechen kann. Grundsätzlicher und mit Anwendungsratschlägen habe ich mich in einem anderen Beitrag […]

  5. […] Plural übrigens, dass mehr als eine Frau am Triell teilnimmt. Ich unterstütze das Anliegen des Genderns, Frauen in der Sprache sichtbar zu machen, muss aber auch zur Kenntnis nehmen, dass manche […]


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