Im medialen Sprachgebrauch erobert der Geflüchtete zunehmend seinen Platz neben dem Flüchtling. Fundstellen, Gründe und Alternativen.

Geflüchtete-im-Xing-Newsletter

Bitte recht freundlich: Xing-Newsletter (Bildschirmfoto)

(9.12.2016) Zum Jahresende hin habe ich mal wieder den Seismographien angeworfen, um einen Trend zu überprüfen. Ergebnis: Der Geflüchtete setzt sich medial langsam neben dem Flüchtling durch – womit ein neues Wort den deutschen Sprachraum erobert hätte. Hier drei aktuelle Anzeichen:

Die Frage ist, was man als Medium bezeichnen will, denn um solche geht’s in diesem Blog. Aber den Newsletter müsste man wohl dazuzählen, also auch den von Xing. Und da schrieb letzte Woche Uli Joos, der Chef der Abteilung Recruiting Operations bei SAP, einen Beitrag über die Integration Geflüchteter.

Wem der Newsletter zu dünn ist, es gibt auch ein größeres Beispiel, nämlich eine Geschichte über verschwundene Flüchtlinge mit dem Titel „Die neuen Kinder vom Bahnhof Zoo“ bei den Krautreportern, und da dann im Intro.

Auch im Fernsehen findet sich ein Indiz. Susanne Daubner spricht am 8.12.2016 in der Tagesschau von Geflüchteten.

Geflüchtete kommt Stand 6.12.2016 schon auf recht stattliche 1.320.000 Treffer bei Google. Zum Vergleich: Flüchtlinge erzielen immer noch erdrückende 23.800.000 Treffer, haben aber eine deutlich längere Tradition. Im Duden ist der Flüchtling verzeichnet, der Geflüchtete dagegen nicht.

Abwägung: Geflüchteter vs. Flüchtling

Gerade im ersten Beispiel wird klar, wie stark Herr Joos sich bemüht, freundlich zu sein, neutral zu formulieren, nicht auszugrenzen. Daher spricht er von Geflüchteten. Offenbar wird das treffende Wort Flüchtling als abwertend empfunden, weswegen er es vermeidet. Warum? Schauen wir uns das anhand dreier Beispiele an, die jeweils Gruppen von -lingen vertreten, den Lehrling, Fremdling und Eindringling.  Das sog. Suffix (=Endung) hängt entweder an etwas Passivem wie lehren und begründet (mehr oder weniger direkt) eine Abhängigkeit. Oder es leitet sich aus einem Adjektiv ab (hier: fremd). Beide Beispiele sind tendenziell negativ, einer der wenigen aktiven Stämme (eindringen) ist deutlicher negativ besetzt. (Ausführlich zu den Bedeutungsunterschieden der Sprachlog. Dort finden sich auch mehr Beispiele.)

Dieser Gedanke ist schlüssig, aber stark sprachlich ausgeprägt. Außerhalb interessierter Fachkreise wird man für derart feinsinnige Unterscheidungen kaum ein Publikum finden. (Das könnte auch für diesen Blog gelten, sagen Sie? Stimmt!) Ebenso feinsinnig wird man dann wohl den Unterschied zwischen Geflüchteten und Geflohenen finden. Doch er existiert. Wer flieht, tut dies aus eigenem Antrieb, wer flüchtet, den zwingen die Umstände dazu. Dazu hat der Zwiebelfisch ein einleuchtendes Beispiel: Die ersten Dorfbewohner flohen vor dem Feind (= sie rannten aus freiem Entschluss davon), die letzten konnten nur noch flüchten (= sie wurden gegen ihren Willen vertrieben). Auch hier darf bezweifelt werden, ob der Unterschied in der Praxis konsequent angewendet wird.

Verwischter Bedeutungsunterschied

Mindestens genauso schwer wiegt meines Erachtens das Argument, es mangele an Präzision, wenn man von Geflüchteten spricht. Wer z.B. vor einer Feuersbrunst (oder in einen Tagtraum) geflüchtet ist, ist ein Geflüchteter, aber kein Flüchtling. Der Flüchtling rettet sich vor politischen oder wirtschaftlichen Missständen, vor Kriegen oder Naturkatastrophen. Ursache und Umstände seiner Flucht haben existentiellen Charakter. Insofern verwischt man den Unterschied, wenn man in beiden Fällen von Geflüchteten spricht. (Ausführlicher hier.)

Weitere Alternativen

Sprachforscher haben ferner den Flüchtenden vorgeschlagen (z.B. hier). Diese Begriffsbildung ist sachlich unzutreffend, denn der Flüchtende ist noch auf der Flucht; sobald er am Ziel ankommt, hat er seine Flucht abgeschlossen, ist also Geflüchteter.

Der Flüchtige ist übrigens keine gute Alternative, da darunter in erster Linie verstanden wird, wenn jemand z.B. vor der Polizei wegläuft. (Auch dazu der Sprachlog.)

Was mich wundert: Niemand verwendet Vertriebener als Synonym für Flüchtling, obwohl der Duden es als solches angibt. hier zeigt sich, dass wir (ja, wir, die Gesellschaft) dazu neigen, verengt zu diskutieren, mit dem Ziel, Recht haben zu wollen, statt nach einer Lösung zu suchen.

Bewertung

Für mich klingt der Geflüchtete improvisiert und abstrakter als der Flüchtling. Der Charme treffender Substantive besteht darin, dass sie beim Leser ein Bild erzeugen. Fragen Sie sich, wo Sie ein stärkeres Bild auf die innere Leinwand bekommen: Beim Flüchtling oder beim Geflüchteten? Sicher finden sich im Deutschen nach ähnlichem Prinzip gebildete Wörter wie Gebildete oder Getriebene. Was allen drei gemeinsam ist: Sie sind von Verben abgeleitet (flüchten, bilden, treiben), das Partizip der Verben (geflüchtet, gebildet, getrieben) wurde zum Substantiv erhoben. Insofern ist die Analogie zum Geflüchteten nachvollziehbar. Nur: Wenn es ein eigenes Substantiv gibt, ist das die bessere Wahl, weil substantivierte Verben stets nur Ersatz sind. Dass andererseits die Endung -ling so abwertet, scheint mir einseitig gedacht: Der Frühling, der Zwilling, der Liebling – es lassen sich zahlreiche Gegenbeispiele finden.

P.S. In der ersten Zeile seines Teasers spricht Hr. Joos von einer Flüchtlingswelle (s. Bild). Dies zeigt, wie uneinheitlich die Verwendung noch ist, denn er hätte auch von einer Geflüchtetenwelle sprechen können. In einer Metapher wie der Welle hält sich ein treffendes Substantiv anscheinend länger – vgl. meine Überlegungen zur Bildnähe.

Hier geht’s zu meinem Eintrag über Flüchtlinge als Wort des Jahres.

2 Responses to Die Geflüchteten kommen
  1. […] ich neulich im Fall der Geflüchteten bloggte, wird ein Begriff gewählt, der mehr verwischt als differenziert.  Ich frage mich, […]

  2. […] lese ich weiter unten von der Integration Geflüchteter. Geläufig sind Flüchtlinge, doch manche Sprachwissenschaftler argumentieren, die Endsilbe -linge würde verniedlichen. Ist die Alternative ein sperriges Partizip? […]


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