Diese Woche bewies „Hart aber fair“, dass Verben Großes bedeuten. Für die Folge „Hassen, pöbeln, gaffen“ wurden sie nämlich groß geschrieben. Warum – und was die Redaktion dazu sagt.

Plasberg-2016-Netz

Hassen, pöbeln, gaffen – groß anmoderiert. (Bildschirmfoto)

(26.11.2016) „Hassen, Pöbeln, Gaffen“ – so wurde die letzte Folge „Hart, aber fair“ anmoderiert. Die Schreibung der ersten drei Wörter, allesamt Verben (=Tunwörter) wurde durchgehend so kommuniziert, nicht nur wie auf dem Bildschirmfoto zu sehen. Auch die Suche nach der Folge bei Google führt zu einem einheitlichen Ergebnis – groß schreiben war Trumpf.

Ursache 1: Mangelhafte Prozesse?

Das hat mich irritiert, denn es handelt sich um drei Tätigkeiten, die in Verben ausgedrückt werden – und die schreibt man eigentlich klein. Nun könnte man denken, das hat der Praktikant verbockt. Dann aber stellt sich die Frage: Kontrolliert niemand, was der Praktikant macht, bevor etwas gesendet wird? Wie sind die Prozesse öffentlich-rechtlich strukturiert, die keine Qualitätsstandards gewährleisten? Und bei acht Mrd. Euro Jahresetat – keine Schlussredaktion, nein? Oder ist es einfach nicht so wichtig? Spaß beiseite: Wenn ich einen Beitrag mit dieser Schreibweise an einen meiner Kunden geschickt hätte, wäre eine schroffe E-Mail die Folge gewesen. So könne man das Dokument auf keinen Fall dem Vorstand zur Freigabe vorlegen, hätte es geheißen. Warum geht öffentlich-rechtlich durch, was in der Privatwirtschaft moniert wird?

Nun ist es ziemlich einfach, sich aufzuplustern, ohne die andere Seite gehört zu haben. Vielleicht gibt es ja einen Grund für die Großschreibung? Weil ich nicht glauben konnte, dass es ein Fehler ist, und im steten Streben nach fairem Umgang und faktischer Aufklärung habe ich mich per E-Mail an die Redaktion gewandt.

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„Liebe Redaktion“ – Mail mit der Bitte um Aufklärung (Bildschirmfoto)

Ursache 2: Gleichgültigkeit?

Was hatte die Redaktion zu sagen? Bestimmt war der Andrang wegen des brisanten Themas der Sendung hoch. Keinesfalls kann ich mir vorstellen, meine Anfrage zu einem sprachlichen Anliegen wäre zu unwichtig gewesen. Aber vielleicht doch. Denn Tatsache ist: Bis heute warte ich auf Antwort. Bis sie kommt, hier schon mal die Grundlagen.

In diesem Halbsatz kommen zwei Regeln zur Anwendung:

  1. Satzanfänge werden großgeschrieben. (siehe Duden)
  2. Verben werden klein geschrieben. (siehe Orthografie-Trainer)

Verben werden nur dann großgeschrieben, wenn ein bestimmter oder unbestimmter Artikel davorsteht (ein, eine oder der, die, das). Sehen Sie hier einen Artikel? (Diesen Fall nennt man Substantivierung von Verben, sie ist hässlich und sollte wann immer möglich unterbleiben.)

Ursache 3: Sendungsbewusstsein und Wichtigkeit?

Kommen wir zum interpretatorischen Teil dieses Eintrags. Man nimmt sich als Angehöriger des öffentlich-rechtlichen Rundfunks wichtig, man fühlt sich für die Gesellschaft verantwortlich, als Teil einer Elite, hat Einfluss, weil man Herr über ein Massenmedium ist. Daher sind die Themen: WICHTIG! INDEM ICH GROSS SCHREIBE, WERDE ICH GESEHEN UND GEHÖRT. ICH HABE EINE BOTSCHAFT, ICH WILL ETWAS ERREICHEN. VERSTANDEN?! WARUM ALSO NICHT GLEICH SO, DURCHGEHEND IN VERSALIEN? DAS WÄRE KONSEQUENT. Denn andererseits: Was ich klein schreibe, wirkt auch klein. Und bescheiden. Und leise. Und das ist nicht in meinem Interesse. Denn ich habe etwas zu sagen, habe einen Auftrag, will die Gesellschaft aufrütteln, vielleicht verändern, zum Besseren natürlich, denn sie verroht laut Untertitel. Auch die Worte selbst: Hass, Pöbel, Gafferei – das sind starke Begriffe mit viel Emotionen, die müssen groß raus.

Ursache 4: Verunsicherung durch Multiplikation 

Im Englischen wird bei Titeln oder Überschriften alles außer Füllwörtern groß geschrieben. Diese Praxis überträgt sich auch ins Deutsche. Nur ein Beispiel: The Dark Side of the Moon, auch in der deutschen Wikipedia. Man sieht also Wörter groß geschrieben, die in normaler Prosa klein geschrieben würden, darunter Verben. (Für Haarspalter: Das Beispiel enthält keine Verben. Für Euch: Let It Be). Auch die Suchergebnisse bei Google zeigen die falsche Schreibung meines Beispiels mehrfach und multipliziert sie so. Wenn etwas häufig unbeanstandet praktiziert wird, wirkt es richtig, auch wenn es falsch ist. Das schafft Verunsicherung. Ähnliches gilt für das Koppeln, den Bindestrich zwischen Hauptwörtern.

Ursache 5: Gesunkene Anforderungen?

Ein anderer Aspekt: Woher stammt die Tendenz, dass wir glauben, wir müssten drei Worte derselben Sorte auf dieselbe Art und Weise schreiben? Woher der Uniformitätsdruck ohne sachliche Grundlage? Wo blieb das Differenzierungsvermögen? Das erste Verb schreiben wir groß, weil es am Anfang steht, die anderen beiden klein, weil sie Teil einer Aufzählung im Satz sind.

Diese Unterscheidung müssten selbst durchschnittliche Praktikanten treffen können. Wenn Sie es nicht können, wie kam es dazu?  Da, wie ich höre und bemerke, auch viele andere Schwierigkeiten bei der Groß- und Kleinschreibung haben, frage ich weiter: Sehen wir hier die Folgen gesunkener Anforderungen und verringerter Stundenzahlen im Deutschunterricht?

Ich möchte nicht kulturpessimistisch erscheinen. Monokausal ist die Frage wohl nicht zu beantworten. Es ist vermutlich eine Mischung aus Unkenntnis, Sendungsbewusstsein und Nachlässigkeit. Richtig geht es jedenfalls so:

Hassen, pöbeln, gaffen.

Und damit soll es für heute gut sein. Jedenfalls fast. Einen habe ich noch: Schwierig ist für viele auch die Frage geworden, wann man nach als ein Komma setzt. Und ich kann mir nicht verkneifen, auf einen weiteren Bock hinzuweisen, den die Öffentlich-Rechtlichen kürzlich geschossen haben: Was ist der Unterschied zwischen seid und seit?

One Response to Verbale Größe durch große Verben?
  1. […] Gewinnspiel-Einblendungen stehen die Chancen für groß geschriebene Verben dort gut. Auch in der Plasberg-Redaktion entschied man sich vor einiger Zeit dafür, Verben groß zu […]


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