Die Seid-seit-Panne beim MDR ist mehr als nur ein peinlicher Patzer. Sie lässt tiefer blicken: in Anforderungen, Abläufe, Selbstverständnis. Analyse, Schlussfolgerungen und sieben Fragen.

Satiremeldung des Postillon (Bildschirmfoto): 70 Prozent können nicht irren.

Satiremeldung des Postillon (Bildschirmfoto): 70 Prozent können nicht irren.

Die Sache ging durch alle Dienste: Eine Mitarbeiterin des MDR ist in einer Radiosendung zum Thema „20 Jahre Rechtschreibreform“ auf einen Satirebeitrag des Postillion hereingefallen. Die beiden Wörter „seid“ und „seit“ würden im Schuljahr „seidt“ geschrieben, weil die Fehlerquote so hoch sei. Es lief wie am Schnürchen: Shitstorm, Schenkelklopfen, schamhafte Richtigstellung des MDR.

Ich gebe die Korrektur hier in voller Länge wieder,

  • weil sie schon bald hinter der URL „Korrekturen“ nach unten gerutscht sein wird.
  • weil sie den Sachverhalt präzise wiedergibt.
  • und weil sie ein geeigneter Ausgangspunkt für meine Bewertung und Fragen ist.

Im Programm von MDR 1 RADIO SACHSEN lief am Montag, 1. August 2016, um 16:47 Uhr ein Bericht zu “20 Jahre Rechtschreibreform”. Dieser wurde am selben Tag um 21:54 Uhr von MDR AKTUELL – Das Nachrichtenradio gesendet. In diesem Beitrag ist uns ein Fehler unterlaufen.

Darin hieß es: “Die beiden Wörtchen seid und seit sollen ab dem neuen Schuljahr zusammengelegt werden in seidt – also hinten mit d und t. Denn an der richtigen Verwendung von seid oder seit scheiterten bisher 70 Prozent der Deutschen.”  Dies trifft nicht zu. Die Redaktion von MDR 1 RADIO SACHSEN und die Autorin bedauern den Fehler. Wie kam es dazu?

Die Reporterin hatte die Information bei ihren Recherchen erhalten und leider nicht gegengeprüft. Offensichtlich geht diese Information auf eine Mitteilung der Satireseite “Der Postillon” zurück. Die Meldung war der Reporterin zu dieser Zeit nicht bekannt.

MDR 1 RADIO SACHSEN hat am Mittwoch, 3.8.2016, zur selben Sendezeit auf den unterlaufenen Fehler hingewiesen und ihn korrigiert.

Diese Korrektur spricht für den MDR. Es klingt allerdings so, als wäre die Sache damit aus der Welt. Und als könne sich der Sender schon etwas darauf einbilden, sie überhaupt zu bringen. Das stimmt nicht, sondern ganz im Gegenteil.

Ein Fehler ist in der Tat nicht schlimm, sie kommen vor. Der Punkt hier ist – und dies ist die 1. Frage: Was ist das für eine Art Fehler? Im Anschluss: Was für Leute arbeiten da, mit welchen Kenntnissen, welchen Abschlüssen, welcher Qualifikation?

Der Unterschied zwischen seid und seit

Die Rechtschreibreform hat allerlei Ungereimtheiten produziert, doch sie hatte eine gewisse Logik. Das ist hier anders: „Seit“ ist eine Konjunktion für Zeitangaben, „seid“ eine konjugierte Verbform. Beide Wort klingen gleich, haben aber nicht das Geringste miteinander zu tun. Selbst wenn man von der Rechtschreibreform im Detail keine Ahnung hat, muss die „Reporterin“ doch von Rechtschreibung selbst etwas verstehen. Bei ihr müssen die Alarmglocken angehen, wenn sie liest, dass diese beiden Formen vereinheitlicht werden sollen. Sie muss wissen, dass das nicht stimmen kann, zumal für eine „Reporterin“ Sprache das tägliche Brot ist. Ich stelle provozierend meine 2. Frage: Wie blöd, naiv, gutgläubig und/oder ungebildet muss man sein, dass einem das nicht auffällt?

In dem Zusammenhang:  Was heißt eigentlich gegengeprüft? Klassische Redundanz a la Rückantwort. Wer formuliert eigentlich solche krummen Sätze in einer Korrekturmeldung. Ich finde diese Wortwahl schon wieder symptomatisch.

Ich will einen Schritt weitergehen. Diesen Beitrag hat kein Schülerpraktikant verbockt, sondern eine „Reporterin“. (Ich vermute, sie wird so bezeichnet, um ihren Status als Freie Mitarbeiterin zu kaschieren; gewöhnlich braucht ein Beitrag zum Jubiläum der Rechtschreibreform keinen „Reporter“.) Wir müssen annehmen, dass die „Reporterin“ neben erster Berufserfahrung Abitur hat, womöglich ein Hochschulstudium, womöglich abgeschlossen. Daraus resultiert Frage 3: Wie kann es sein, dass sie im Laufe ihrer mindestens fünfzehnjährigen (!) Ausbildung so wenig Sprachkenntnis und -verständnis erworben hat? Und da sie ihr offenbar fehlt, Frage 4: Was für ein Bildungssystem haben wir, in dem etwas derartig Elementares anscheinend nicht oder nicht genügend vermittelt wird?

Mangelhafter Prozess

Radio Sachsen ist nicht irgendein Medium. Wäre es das Klein-Wölferoder Tagblatt, könnte ich auf diesen Eintrag verzichten. Der MDR gehört zum Imperium der Öffentlich-Rechtlichen mit jährlich acht Millarden Euro Budget, für das jeder von uns bezahlt, ob er will oder nicht. (Und tut er es nicht, kommt der Gerichtsvollzieher.) Gern wird suggeriert, viel hilft viel. Ein großzügig bemessenes Budget müsste demnach zu sicheren Arbeitsabläufen führen und die Qualität sichern.

Denn dies war kein Online-Beitrag, in dem eine Meldung von einer Person ins CMS kopiert wurde und ungeprüft online ging, weil es schnell gehen musste. Dies war ein Radiobeitrag, geplant, auf einer Konferenz abgesegnet, „recherchiert“, getextet, gesprochen. Das geht nicht mal eben so, das braucht Zeit und Vorlauf. Frage 5 lautet also: Wo war die Sorgfalt? Wo der Verantwortliche, der den Beitrag vor der Sendung abnimmt? Oder wurde durchgewunken? Wo war der CvD, denn der Beitrag ging ja sogar zweimal über den Sender? Wie es dazu kommen konnte, geht aus der Korrekturmeldung nicht hervor. Stattdessen ein Bauernopfer: Schuld war allein die „Reporterin“.

Unvermögen zur Bewertung

Die Öffentlich-Rechtlichen – das sind die mit der „Demokratieabgabe“ (© WDR-Fernsehdirektor Jörg Schönenborn), sog. Journalisten, die sich viel auf sich und ihre Qualität einbilden. Deren Mitarbeiter sollen und wollen uns berichten, was in der Welt vorgeht, und darauf Einfluss nehmen, was wir denken und glauben. Daher Frage 6: Wie können sie Mitarbeiter beschäftigen, die bereits überfordert in der Bewertung und Beurteilung eines relativ simplen Sachverhaltes sind? Wenn die „Reporterin“ schon diese einfache Meldung nicht verifizieren oder falsifizieren kann, welchem Unsinn wird sie noch aufsitzen?

Zum guten Schluss kommt hier ein Widerspruch im Selbstverständnis zum Ausdruck. Journalisten – waren das nicht die mit der kritischen Haltung? Stattdessen erleben wir hier äußerste Leichtgläubigkeit. Frage 7 also: Wie kritiklos ist die „Reporterin“, wenn sie brav so eine Meldung über den Äther jagt? Und wie viel sonstigen Unsinn hat sie wohl schon ungeprüft versendet? Wahrscheinlich war sie über einen aktuellen und witzigen Rausschmeißer froh. Und legt damit eine gewisse Verblendung an den Tag.

Doch ich resigniere nicht, deswegen schreibe ich diesen Eintrag. Denn ich fürchte, dies ist kein Einzelfall. Ich wollte zeigen, dass das satte, selbstzufriedene öffentlich-rechtliche System generell anfällig erscheint, dass Anspruch und Leistung im Widerspruch stehen, und dass Journalisten nicht so souverän sind, wie sie gern scheinen. Ich weiß, warum ich schon lange keiner mehr bin, sondern Quality Content Provider.

2 Responses to Die Seid-seit-Symptomatik
  1. […] als eine Mitarbeiterin auf eine Meldung des Postillion hereinfiel und damit auch in diesem Blog Fragen […]

  2. […] Und damit soll es für heute gut sein. Jedenfalls fast. Einen habe ich noch: Schwierig ist für viele auch die Frage geworden, wann man nach als ein Komma setzt. Und ich kann mir nicht verkneifen, auf einen weiteren Bock hinzuweisen, den die Öffentlich-Rechtlichen kürzlich geschossen haben: Was ist der Unterschied zwischen seid und seit? […]


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