Welche Tipps zweier berühmter Schreiber aus dem angelsächsischen Raum deutsche Texter beherzigen sollten.

(30.7.2016) Ich bin ein großer Freund des Kuratierens geworden. Denn warum immer selbst schreiben, wenn andere sich darum bereits verdient gemacht haben? Andererseits scheint es mir verdienstvoll, auf Fundstellen im Internet hinzuweisen, denn das Netz ist groß. Insofern diese Woche zwei Hinweise auf nützliche Tipps für Texter aus berufenem Munde, ihres Zeichens die Herren Orwell und Twain, sehr basal, aber trotzdem und gerade deswegen richtig und wichtig. Zumal Engländer pragmatischer als Deutsche sind, und mehr schreiben wie ihnen der Schnabel gewachsen ist statt sich zu verkünsteln oder gar gezielt zu verschanzen.

Inhalt vor Form

George Orwell muss man hauptsächlich wegen seiner inhaltlichen Weitsicht rühmen. Doch er hat sich auch wertvolle Gedanken über sein Handwerk gemacht. Immergrün sind diese Ratschläge, die ich in einem Post der englischen Zeitschrift Economist auf Facebook fand.

George Orwell riet Schreibern ab von:
1. Klischees
2. Unnötig langen Wörtern
3. Jargon
4. Passiv

Diese Kurzfassung geht auf einen längeren, englischsprachigen Blogeintrag aus dem Jahr 2013 mit dem Titel „Sechs kleine Regeln“ zurück. (Dort finden Sie auch die Punkte fünf und sechs, die in dem Facebook-Post fehlen.) Was für das Englische gilt, lässt sich ohne Einschränkungen auf das Deutsche anwenden. Das gilt besonders für Punkt 2, weil sich im Deutschen die Substantive beliebig lang zusammensetzen lassen, z.B. zu Atemschutzübungsstrecke. Aber auch 3 (im Beamtendeutsch und Marketing-Sprech) sowie 4 (Verwaltungssprache) sind bedenkenswert.

Interessant ist in dem Zusammenhang auch, dass die Redaktion des Economist ausgesprochenen Wert auf eine klare Sprache und verständliche Darstellung legt. Immer geht der Sachverhalt vor der Eitelkeit des Autors, was in Deutschland, insbesondere in Feuilletons und der Wissenschaft, beklagenswerterweise genau andersherum ist. Um einen Standard für die ganze, nicht gerade kleine Redaktion zu verankern, hat der Economist einen Style-Guide zusammengestellt, der öffentlich einsehbar ist. Auch darin findet sich Orwell wieder. Kurz gefasst könnte man sagen: Inhalt vor Form.

Interessant ist schließlich auch, dass die Schaffenszeiten sowohl Orwells als auch Twains schon länger zurückliegen. M.a.W. der Kampf um die gute Sprache tobte schon damals und offenbar immer noch. Wie nachdenklich muss es mich stimmen, dass keine dauerhafte Besserung eingetreten ist? Milde stimmt mich dagegen der Gedanke, dass Generation auf Generation es neu lernen muss, während die, die es gelernt haben, ausscheiden.

Auf redundante Adjektive verzichten

Auch Orwells Schriftstellerkollege Mark Twain hat einen Schreibtipp zu bieten, und zwar in Form des schönen Sinnspruchs: If you find an adjective, kill it. Nicht ganz so martialisch formuliert:

Wenn Du auf ein Adjektiv stößt, streich es.

Darauf weist in dieser Woche die NZZ in einem sprachkritischen Beitrag hin, der einige treffende Beispiel aus der Welt des Marketings bringt, in der besonders gern fantastisch klingende, aber inhaltliche leere oder gar redundante Adjektive verwendet werden („proaktiv“). Mit Recht stellt sich die Frage, was zielgerichtet planen bedeuten soll. Denn jede Planung schließt systematisches, zielgerichtetes Denken ein. Insofern ein klassischer Pleonasmus wie der alte Greis. Auch die weitere Lektüre lohnt. Zur Regel selbst wäre zu sagen, dass Twain sie harsch und provokant formuliert hat; es gibt nämlich durchaus notwendige Adjektive, zum Beispiel solche, die helfen, einen Gegenstand von einem ähnlichen zu unterscheiden. Das grüne vom roten Auto etwa.

Ich möchte zum Thema Adjektive noch hinzufügen, dass es nicht nur darauf ankommt, die Menge zu dosieren, sondern auch, das treffende Adjektiv zu wählen.

One Response to Orwells und Twains Tipps für Texter
  1. […] da wir gerade bei Tipps sind. Hier, was Helge Timmerberg zur Wahl des treffenden Wortes […]


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