Welche Schlagzeilen der Brexit hervorbringt, eine kurze sprachliche Würdigung des Phänomens und ein Nachtrag zu -gate.

(25.6.2016) Außergewöhnliche Ereignisse rufen außergewöhnliche kreative Leistungen hervor. Sollte man annehmen. Schaun wir mal, ob das stimmt. Der Brexit regiert die Schlagzeilen, was mir Gelegenheit zu einer kleinen Presseschau und einer kurzen Sprach-Aktualisierung zu Wortneubildungen gibt.

Schlagzeile OUTsch (Screenshot): Nachricht plus Wertung in einem Wort

Schlagzeile OUTsch (Bildschirmfoto): Nachricht plus Wertung in einem Wort

Wie so oft genial: Die Bild-Zeitung. Auf Out ist auch der Tagesspiegel gekommen, doch das ist rein nachrichtlich und damit im wahrsten Sinn des Wortes von gestern. OUTsch dagegen mischt die Nachricht mit Bewertung, sprich: Bedauern, und einem eindeutigen Bezug zum Thema England, indem das A (aus Autsch) gegen ein O (aus Out, draußen oder raus) ausgetauscht wird. Und das alles in maximaler Verdichtung, nämlich einem einzigen Wort. Brillant, ich neige mein Texterhaupt.

Schlagzeile Bye Britain: Brav und satt

Schlagzeile Bye-bye, Britain (Bildschirmfoto): Brav und satt

Die Süddeutsche kommt dagegen über ein lahmes, Bedauern anklingen lassendes Bye-bye, Britain nicht hinaus, und auch den sonst von mir wegen ihrer Kreativität geschätzten Schreibern von der taz fiel nicht mehr als Herablassung und Überheblichkeit ein: Well done, little Britain, lautet ihre Schlagzeile. Little statt great, die simple Verdrehung ins Gegenteil im geistreich sein wollenden Wortspiel bewirkt hier die Herablassung. Ziemlich peinlich, denn Besserwisserei und Lehrmeisterei sind gerade das, was Briten an Deutschen verabscheuen, wie mir mein englischer Übersetzerfreund glaubhaft versichert. Sie wird hier bestmöglich verkörpert.

Schlagzeile Little Britain (Screenshot): Herablassend und überheblich

Schlagzeile Little Britain (Bildschirmfoto): Herablassend und überheblich

Brexit, Bremain und Bregret

Dann muss ich an dieser Stelle dringend nachtragen, dass der Brexit als Wortschöpfung nach dem Muster Konsonant plus exit den Grexit in der aktuellen Nachrichtenlage dominiert, das Bildungsmuster dabei aber fortgesetzt hat. Da es im Deutschen nicht nachgebaut werden kann – es sei denn, Sie möchten Brausstieg sagen 🙂 – , muss das englische Original exit direkt in den deutschen Wortschatz übergehen. Das gilt auch für das Gegenstück, Bremain. (Für diejenigen Leser, die des Englischen nicht oder nur in Grenzen mächtig sind: remain bedeutet bleiben.)

Und ganz neu: Bregret – Kofferwort aus Britain und regret (dt. bedauern), über das schlechte Gefühl nach der Abstimmung, das 1:1 über deutsche Medien, hier Spiegel online, durchgereicht wird. Die Schnelligkeit bzw. das Unvermittelte des Internets muss man wohl auch als Ursache dafür sehen, dass soviel Anglizismen Einzug ins Deutsche halten. Es ist weder Zeit noch Kapazität mehr in den Redaktionen vorhanden, nach einer Übertragung zu suchen, zumal wohl viele Nutzer selbst im angelsächsischen Sprachraum surfen und die Worte importieren.

Diesel- und Trikotgate

Wo wir gerade dabei sind: Dieselgate (aus der VW-Abgasaffäre) und Trikotgate (die zerrissenen Jerseys der Schweizer Nationalmannschaft während der EM 2016) wären im Sprachentwicklungstagebuch zu ergänzen. Hier existiert ein Kofferwort nach einem ähnlichen, aber nicht identischen Bildungsmuster. Diesmal ist es keine Silbe oder einzelner Buchstabe, sondern ein ganzes Wort, das vor ein englisches gestellt wird, um ein medienträchtiges Schlagwort zu bilden. Obwohl ich diese Neuschöpfung recht schwach finde, weil sie im Deutschen nicht die halbe Schlagkraft hat wie im Englischen (vgl. Watergate und seine Bedeutung), wurde sie 2013 als Anglizismus des Jahres ausgezeichnet. Und immerhin: Der Trend ist intakt, sie wird weiter benutzt.

Hier ein paar weitere Schlagzeilen-Highlights vergangener Jahre.

2 Responses to Brexit und Bremain
  1. […] Update (9.12.2016): Die Gesellschaft für deutsche Sprache kürt postfaktisch zum Wort des Jahres 2016. Da lag ich ja goldrichtig, obwohl ich etwas anderes gewählt hätte, nämlich die Nr. 2, Brexit. […]

  2. […] den Plätzen Ich habe den Brexit favorisiert, nicht als Kofferwort, sondern als eigenständigen Begriff. Der Brexit erfüllt […]


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