Wo bei Überschriften Fehler drohen – wie sie sich vermeiden lassen und man eine Nachricht besser verkauft.

Überschrift auf Spiegel Online (Screenshot): Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht?

Überschrift auf Spiegel Online (Bildschirmfoto): Warum mit den Pfunden wuchern?

 

Heute was Kleines, aber doch Wichtiges. Es betrifft die Überschrift eines Artikels auf Spiegel Online und zeigt, wie beim Zeilenmachen, wo es auf maximale Präzision ankommt, geschlurft wird. Das ist bei dem hohen Zeitdruck online verständlich, aber bei einem führenden Medium trotzdem schade. Und die Nachricht wird zugleich unterverkauft, was u.U. die begehrten Klicks kostet.

Die Zeile geht so – s. a. Bildschirmfoto.

Wald in Niedersachsen: Wolf soll angeblich Jogger verletzt haben

Mir kommt es zunächst auf die eigentliche Zeile an. Hier hat der Schreiber übersehen, dass angeblich die gleiche Funktion wie soll . . . haben hat, nämlich zu sagen, dass es sich um eine unbestätigte Meldung handelt. Er hat also das Kolportagehaft-Gerüchtige in zwei verschiedenen rhetorischen Figuren gleichzeitig verwendet – und damit einmal zu viel. Es genügte zu sagen:

Wolf hat angeblich Jogger verletzt

oder

Wolf soll Jogger verletzt haben

Und schon hat er nämlich die Zeichen gewonnen, die er für die Vorzeile braucht. Oder insgesamt Platz gespart, weil die Dichte einer Schlagzeile, also möglichst viel mit möglichst wenig zu sagen, entscheidendes Gestaltungskriterium ist.

Irreführende Vorzeile

Denn die Vorzeile ist ebenfalls unglücklich gewählt:

Wald in Niedersachsen

Das klingt, als sei der Wald Subjekt, würde also gleich etwas tun: Abbrennen z.B., oder sterben. Dem ist aber nicht so, sondern er dient als Ortsangabe.

In Wald in Niedersachsen ist unschön, weil zweimal in aufeinander folgt. Im Wald in Niedersachsen klänge märchenhaft und ungenau, in einem Wald in Niedersachsen liefe zu lang. Da muss man komprimieren:

In niedersächsischem Wald

oder einfach nur

In Niedersachsen.

Denn dass es in einem Wald geschah (und nicht in einer Innenstadt), ist der Normalfall. Wäre es anders gewesen, hätte man das natürlich in der Vorzeile untergebracht. Da der niedersächsische Wald etwas länger läuft, kämen einem die gewonnenen Zeichen aus der Hauptzeile nun zugute, zumal das Unterschneiden, Lieblingshilfsmittel des Print-Redakteurs in der Not, online ausgeschlossen ist.

Präziseres Verb als verletzen

Wenn man noch etwas weiterdenken wollte, müsste man sagen: Das Verb ist nicht sehr präzise. Verletzen kann man sich auch mit einem Messer, beim Sport oder bei einem Autounfall. Besser wäre ein Verb, das nur auf einen Vorfall mit einem Wolf passt. Also:

Wolf soll Jogger angefallen haben

oder

Wolf soll Jogger gebissen haben.

Im Teaser drückt sich der Schreiber ähnlich hilflos aus: Soll den Jogger an der Hand verletzt haben, heißt es da. Gleichzeitig erhalten wir hier die rettende Info über den Sachverhalt: Der Wolf hat gebissen – jedenfalls, soviel wir wissen.

Und dann sagt der Schreiber dort noch etwas, das ich für viel wichtiger halte als die Ortsangabe: Dass es nämlich der erste belegte Biss in Deutschland wäre. Nachrichtlich hätte man machen sollen:

Erstmals in Deutschland: Wolf beißt Jogger.

Das hat Rhythmus und Dichte. Und die Unsicherheit löst man im Teaser und im Lauftext auf. Dann hat man nämlich erstmal seine Klicks, bleibt seriös und hat gleichzeitig seine Nachricht nicht entwertet.

Mehr über Headlines.

6 Responses to Der unterverkaufte Wolf
  1. Ich finde nicht, dass die vorgeschlagene Überschrift “Erstmals in Deutschland: Wolf beißt Jogger” seriös ist. Sie drückt klar aus, dass es sich bei diesem Vorfall um einen tatsächlich, zweifelsfrei geschehenen handelt. Dabei war gerade der berechtigte Zweifel (die Frage, ob es sich wirklich um einen Wolf und nicht doch um einen Hund gehandelt hatte) eine wichtige Aussage des Artikels.

    Man hätte also schreiben müssen: “Erstmals in Deutschland: Wolf soll Jogger gebissen haben.”.
    Das wäre dann aber nicht mehr korrekt, da es nicht das erste Mal war, dass ein Verdacht auf einen Wolfsbiss bestand.

    Im Endeffekt wäre wohl “Niedersachsen: Wolf soll Jogger gebissen haben.” am “richtigsten” gewesen.

    • Hallo Nicolas,

      Ihre Variante wäre sehr lang. Ein ins Hintertreffen geratenes Stilmittel, um Zweifel auszudrücken, ist die Frage. Man hätte also auch machen können: „Biss Wolf Jogger?“. Allerdings schrieb ich schon im Beitrag, dass die Zweifel auch in der Meldung selbst hätten erläutert werden können. Sie lesen doch hoffentlich nicht nur die Überschriften und nehmen sie für bare Münze? 😉

  2. Nein, ich lese natürlich nicht nur die Überschriften 😉
    Klar ist auch, dass in einem Artikel die Überschrift erläutert wird und werden muss.
    In diesem Fall müsste sie allerdings relativiert werden. Und das ist ein Nachteil, der meiner persönlichen Meinung nach schwerer wiegt als der, eine längere Überschriften zu verwenden.

    Nebenbei ist es sinnvoll, als Leser eine kritische Haltung einzunehmen und nicht jede Überschrift für “bare Münze” zu nehmen.
    Als Journalist ist es aber fatal, zu denken “Ach, die Leser nehmen die Überschriften eh nicht ernst, also muss die auch nicht so ganz stimmen”.

    • Hallo Nicolas,
      Zustimmung zur kritischen Haltung gegenüber allem, was so veröffentlicht wird. Das ist letztlich auch die Quelle dieses Blogs.
      Zur Headline wäre zu sagen, dass jede Verkürzung oder Verdichtung eine Verfälschung mit sich bringt. Das liegt in der Natur der Sache.

      Neben diesem unvermeidlichen Effekt sind für den Texter im nächsten Schritt ästhetisch-technische (=handwerkliche) Fragen von Bedeutung: Rhythmus, Knackigkeit, Zuspitzung.
      Aus der Zuspitzung ergibt sich die Notwendigkeit der Relativierung im Artikel. Welchen Weg zwischen den Polen reißerisch und lahm man wählt, ist allgemein nicht genau zu bestimmen und hängt stark vom Medium, insbesondere seiner Verbreitung (gedruckt, online) und seiner inhaltlichen Ausrichtung ab.
      In diesen Fragen schien mir die SpOn-Meldung viel Potential zu verschenken.

  3. […] aufzuteilen, aus Zeitdruck oder manchmal aus sachlichen und sprachlichen Gründen. Lesen Sie die Geschichte von dem Wolf, der in einem niedersächsischen Wald gesichtet wurde – oder auch […]

  4. […] fiel mir SpOn beim untererkauften Wolf durch eine schwache Zeile auf, die taz dagegen schon früher […]


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