In der Anwendung von natürlichem und grammatischem Geschlecht zeigen sich Inkonsistenzen – wie das Beispiel vom Engel zeigt.

„Männliche Engel“ (Scan der SZ-Titeseite): Sicher ist sicher, aber redundant

„Männliche Engel“ (Ausschnitt der SZ-Titelseite): Sicher ist sicher – aber redundant

 

Neulich berichtete die Süddeutsche Zeitung anlässlich der Berlinale über den „Himmel über Berlin“, den Wim-Wenders-Film mit Otto Sander und Bruno Ganz als Engeln – s. den Scan eines Ausschnitts der Titelseite vom 6. Februar. In dem Teaser war die Rede von

männlichen Engeln

und das stimmte mich nachdenklich. Warum musste hier das Geschlecht besonders betont werden? Der Engel ist grammatisch gesehen ohnehin männlich. Ihm das Attribut nochmal zuzuweisen, setzt voraus, dass es offenbar unüblich für Engel ist, männlich zu sein, dass sie in unserer Vorstellung also vorherrschend weiblich sind. Macht das Sander und Ganz  zu einer Fehlbesetzung? Sicher nicht. Aber ungewöhnlich genug, ihr Geschlecht zu betonen. Männliche Engel also.

Wenn es die Bundeskanzlerin ist . . .

Es hat sich eingebürgert, von der Bundeskanzlerin zu sprechen, wenn das Amt des Bundeskanzlers von einer Frau bekleidet wird, von einer Bürgermeisterin oder einer Präsidentin, um zu betonen, dass der Amtsinhaber bzw. Berufsträger abweichend vom Amt oder der Berufsbezeichnung weiblich ist. Der Unterschied zwischen dem natürlichen Geschlecht einer Person und dem grammatischen Geschlecht wird ignoriert. Die Idee: Die Frau kommt in Sprache und Denken sonst nicht oder zuwenig vor.

. . . sollte es auch die Engelin sein

Hier wäre Konsequenz gefordert: Was ist mit der Engelin? Wollte man für sie Geschlechtergerechtigkeit herstellen, müsste man diese Form etablieren. Dazu aber hört man wenig bis nichts. Die Bürgermeisterin hat im Duden einen Eintrag, die Engelin dagegen nicht. Stattdessen bietet die Rechtschreibkorrektur hartnäckig Enkelin an! Warum ist die Engelin so unterprivilegiert, dass sie im Sprachgebrauch fehlt?

Ich fürchte, der schlichte Grund liegt darin, dass der Bürgermeister im täglichen Leben häufiger in Erscheinung tritt als der Engel. Es fehlt den Engeln an einer Lobby, an praktischer Relevanz und Sichtbarkeit im politisch-gesellschaftlichen Raum, in dem der Kampf um die Geschlechtergerechtigkeit vorwiegend geführt wird. Engel treten dagegen in weniger beachteten Bereichen wie Religion, Esoterik oder im Film auf. Am Ende ist das politische Problem also ein ökonomisches: In einem Randbereich wäre der Ertrag zu gering, als dass es sich lohnen würde, den Engeln Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.

Mehr über den Geschlechterkrampf.

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