Wenn Journalisten Prominente zum Interview treffen, wird neuerdings im Anleser eine Begegnung daraus. Wie wär’s mit einer nicht ganz so phrasal-formalen Anmoderation?

Feuilleton-Trend Begegnung (Ausschnitt SZ): Weihevolle Aufwertung

Anleser-Trend Begegnung (Ausschnitt SZ): Weihevolle Aufwertung

Mein erstes Deutschbuch am Gymnasium hieß „Begegnungen“; es war eine Serie mit vielen, natürlich zeit- und gesellschaftskritischen Texten. Ich verstand schon damals nicht, was der Titel bedeuten sollte, dachte aber auch nicht groß darüber nach. Heute vermute ich, es war der kleinste gemeinsame Nenner, mit dem man die gesammelten Texte aus den unterschiedlichsten Gattungen und Zeiten klammern konnte.

Das erweiterte Interview

Heute genieße ich wieder Begegnungen, allerdings journalistischer Art, und ich frage mich, warum. Diesmal finden sie in der Süddeutschen Zeitung statt, und zwar dann, wenn ein Schreiber einen Interviewtermin hat, aber lieber ein Porträt daraus macht, um auch die Umstände zu schildern, untern denen sich Schreiber und Porträtierter trafen, um gleich eine Rezension einzuweben, deretwegen der Termin eigentlich anberaumt war, und auch den Werdegang oder Hintergrund der dargestellten Person zu schildern. Ganz nebenbei ist es auch eine Art, sich als Schreiber, sein Produkt und seine Geschichte aufzuwerten. Denn eine Begegnung findet selbstredend auf Augenhöhe statt, womit man sich als Schreiber schon mal stillschweigend auf das Bedeutungsniveau des Interviewten geschwungen hätte. Klingt „Begegnung“ dazu nicht herrlich poetisch, wie aus der Zeit gefallen, etwas altmodisch (wer hat heute schon noch Zeit für eine Begegnung?), aber eben auch theatralisch und sich selbst und das Ereignis inszenierend und überhöhend? Sachlichkeit scheint nicht gefragt.

Erst eine Begegnung mit Zaz . . .

Letzte Woche z.B. konnte man in der reformierten Wochendausgabe der Süddeutschen Zeitung von einer Begegnung mit der Sängerin Zaz lesen. Nicht ganz unkomisch war, wie der Autor davon berichtete, dass er ursprünglich einen Spaziergang mit der Sängerin angefragt hatte, dieser aber zu einem Treffen in einem Café umgewandelt wurde – immerhin in Paris. Besser aber ist noch, wie er beschreibt, wie im Hintergrund des Gesprächs die Promoterin der Plattenfirma in der Luft das klassische T-Zeichen macht – Time, Gentleman, die Uhr ist abgelaufen, der nächste Interviewtermin wartet. Eine Begegnung hätte ich mir doch etwas zwangloser und intensiver vorgestellt.

. . . dann eine Begegnung mit Paul van Haver

Oder diese Woche: Da trifft ein SZ-Schreiber (unter der begnadeten Ein-Wort-Überschrift Weltempfänger, die kein Mensch versteht, aber das ist eine andere Geschichte, vgl. Bild) den belgischen Tänzer und Sänger Paul van Haver. Gleiches Prinzip: Man hat einen Termin vor Ort in Brüssel, und wahrscheinlich, weil van Haver für ein Interview nicht bekannt genug ist, wird ein Porträt auf Basis eines persönlichen Kontakts daraus verfertigt. Am Ende des Intros die vieldeutig-nichtssagende Phrase: Eine Begegnung.

. . . und weitere Begegnungen

Diese beiden Begegnungen habe ich festgehalten, es gab aber im Verlauf der letzten Wochen noch weitere in der SZ, auch in anderen Ressorts, nicht nur dem Feuilleton. Worum geht’s? Die SZ möchte uns damit sagen, dass ein Schreiber vor Ort war und die Geschichte damit Stallgeruch hat und nicht etwa kalt geschrieben wurde. Ich könnte mir eine nicht ganz so prätentiöse, anmaßende und nach rhetorischem Trick aussehende Lösung vorstellen, die zugleich auch noch einen Schritt weiterginge

 SZ-Redakteur xx (hier der Name) traf die Sängerin in Paris.

Man könnte dann noch eine kurze Inhaltsangabe bringen:

. . .  und sprach mit ihr über bli, bla, blub.

Das klänge natürlicher und auf den Inhalt ausgerichtet, nicht so geziert und geschwurbelt. Magazine machen das schon lange so. Warum nicht auch die SZ, die mit ihrer Wochenendreform ohnehin wie eine Zeit wirkt, die Samstags erscheint?

Weiter ungebrochener Trend im SZ-Jargon: die Verwendung von massiv.

One Response to Neu im Anleser: Die Begegnung
  1. […] seine Erzeugnisse bestmöglich anzupreisen? Dazu passt auch, Interviews und Gespräche gern als Begegnung zu […]


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