Der Slogan der aktuellen Heilsarmee-Kampagne versinnbildlicht einen Wechsel der Erzählperspektive – von der Absenderorientierung zum schulterschließenden Wir-Gefühl.

Wir kümmern uns um ihn, wollte die Heilsarmee sagen, entschloss sich aber für die Kurzversion.

Uns kümmert’s, wollte die Heilsarmee sagen, entschloss sich aber zu einem Logikbruch. © Heilsarmee

(21.11.2013) Derzeit wirbt die Heilsarmee auf Plakaten um Spenden. Das ist ein ehrenvolles, unterstützenswertes Anliegen, und ich bitte, den folgenden Beitrag nicht als Kritik am Zweck der Kampagne zu verstehen.

Ich möchte nämlich darüber sprechen, wie das Verb kümmern hier verwendet wird. Da ist zum einen die Frage zum Bild des Obdachlosen, die einen Appell an den Leser darstellt: Wen kümmert’s? Den Slogan soll man als Antwort darauf verstehen, wie man auf der Presseseite der Heilsarmee nachlesen kann. Er müsste lauten: Uns! oder Uns kümmert’s. Denn gemeint ist: Wen geht es an, wen betrifft es? (Vgl. Duden). Stattdessen steht da: Wir kümmern uns, im Sinne von Wir sorgen für ihn oder helfen ihm.  Die Frage dazu hätte heißen müssen: Wer kümmert sich? Die Logik bricht, die Bedeutungsvarianten des Verbs korrespondieren nicht.

Kümmern steht mit Objekt

Wichtiger noch: In der Umgangssprache hat sich durchgesetzt, wir kümmern uns zu sagen. Aber eigentlich gehört zu kümmern ein Objekt, also die Sache oder die Person, um die man sich kümmert, denn das liegt in der Natur des Kümmerns. Wer kümmert sich um ihn? Das hätte ich hier bevorzugt, weil es einen noch stärkeren Bezug zum Obdachlosen auf dem Bild hergestellt hätte. (In der Frage ist es richtig: Wen kümmert’s – es als Objekt).

Wir als Erzählperspektive

Wir kümmern uns – das ist zugleich eine Erzählperspektive im Trend. Sie ist seit geraumer Zeit in Redaktionen populär. Wo man lange Hörzu klärt auf, Tina turnt vor oder der Spiegel verlost las, wenn sich die Redaktion in Intro, Teaser oder Subline an den Leser wandte, ist es gang und gäbe geworden, wir klären auf, wir turnen vor oder wir verlosen zu sagen. Das passt gefühlt zum Zeitgeist, der in Texten ja auch stark den Menschen in den Mittelpunkt stellt, in diesem Fall verkörpert durch das gemeinschaftliche wir. Ohne Zweifel wirkt diese Form persönlicher und verbindender und korrespondiert mit einem der zentralen Werte der Gegenwart, der Solidarität. Aber der Absender geht verloren – wer das wir ist, verschwimmt;  in den zahllosen Wir-Botschaften halte ich es für wichtig, zu unterscheiden, denn der Absender will im Gedächtnis bleiben.

Mehr über den Begriff Menschen in den Medien.

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