In Reportagen hat sich ein aufreizend gewundener Stil eingeschlichen, der lässig und lebendig klingen soll, aber nachlässig und fremd klingt. Ein Beispiel mit Verbesserungsvorschlag.

Künstlich statt kunstvoll: Die kleinen Schönheiten Dattelns (Ausschnitt aus der SZ)

Ich begrüße es, wenn Texte nicht sperrig oder steif, sondern lebendig und natürlich klingen. In meinen Seminaren sage ich deshalb oft, dass man schreiben soll, wie einem der Schnabel gewachsen ist. Damit meine ich nicht, dass man tiefsten Dialekt oder Slang in Schriftform bringen soll, sondern dass ein Text beim Lesen so klingt, als könnte man ihn sprechen. Gerade bei Berichten, insbesondere Reportagen, kann das sehr anschaulich wirken und das Gefühl erhöhen, man sei als Leser unmittelbar dabei.

Aber es kann auch des Guten zuviel sein, wie das folgende Beispiel aus der Süddeutschen Zeitung vom 17.9.13 über ein Kohlekraftwerk in Datteln zeigt. Der Artikel beginnt so:

Datteln – Es ist ein interessanter Ortsname für eine Stadt, die nicht unbedingt mediterranes Flair verspricht, die dort liegt, wo das Ruhrgebiet in die westfälische Ebene übergeht, zwischen Schornsteinen und viel Gegend also. Doch man kann sie finden, die kleinen Schönheiten Dattelns. In den Gärten zum Beispiel, die gewachsen sind in vielen Jahren, hier noch ein Bäumchen, dort noch eine Pergola.

Das ist nicht kunstvoll, sondern künstlich. Was die Wortwahl angeht, ist es schludrig. Es tastet sich vorwärts, windet und schlängelt sich. Warum nicht geradeaus gehen? Ich habe mir erlaubt, diesen Einstieg so umzuarbeiten, dass er immer noch geläufig klingt, aber nicht mehr so verquast.

Datteln – Der Name ist für eine Stadt an der Grenze des Ruhrgebiets zur westfälischen Ebene merkwürdig: Er verspricht mediterranes Flair, doch der Ort bietet nur Schornsteine vor flachem Land. Trotzdem kann man in Datteln kleine Schönheiten finden. In den Gärten mit Bäumchen und Pergola zum Beispiel, die über viele Jahre gewachsen sind.

Was ist passiert? Straffe Sätze machen den Text kürzer und besser lesbar, durch den abgeworfenen rhetorischen Ballast (die dort liegt, nicht unbedingt, also) wird seine Aussage klarer. Die Satzstellung mit den Nachstellungen ist geordnet (Man kann sie finden, die kleinen Schönheiten). Der Logikfehler, demzufolge der Ortsname kein mediterranes Flair ausstrahle, ist behoben, denn er tut es doch: Datteln, wie die Früchte!  Die Wortwahl trifft nun: Datteln ist kein interessanter (wie unspezifisch!), sondern ein merkwürdiger Name, der redundante Ortsname wurde gestutzt. Flaches Land ist präziser als Gegend und arbeitet den Gegensatz zwischen Namen und tatsächlicher Erscheinung klarer heraus. Und um einen langen Zeitraum zu charakterisieren, ist über viele Jahre deutlicher als in vielen Jahren.

Ich habe dieses Beispiel gebracht, weil es kein Einzelfall ist. In den Seite-Drei-Reportagen der Süddeutschen findet sich dieser manierierte Stil häufig, und manchmal befürchte ich, dass man das auch macht, um zu füllen. Denn eine ganze Seite braucht eine Menge Stoff – mehr als manche Geschichte hergibt. Aber das ist nur eine Vermutung.

Mehr? Die Krönung der Verquasung ist der Schachtelsatz.

2 Responses to Dattelns mediterranes Flair
  1. […] Wem es mit dem Warten auf den Bauch zu lange dauert – man kann auch nachhelfen, zum Beispiel mit dem Klassiker von A.M.Textor. Dann bleibt einem einiges erspart. […]


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