Ich dachte, es wäre ausgestorben. Mitte der Nullerjahre war die Floskel gerade einmal gefühlt in jedem zweiten Artikel zu finden. Zu nüchtern und abgedroschen schienen althergebrachte Alternativen, zu lässig und cool klang die neue Formulierung. Dazu fügte sie der Ungeheuerlichkeit der Zahl, über die jeweils berichtet wurde, einen Schuss Entrüstung, Enttäuschung oder gar Verachtung hinzu – darin enthalten eine Prise Populismus, ja Polemik, was es mir besonders verleidete.

Doch es ging so wie mit den meisten Moden – der Spuk war irgendwann vorbei. Dachte ich. Aber das stimmt nicht: Als Anfang des Jahres Whitney Houston starb, erstand gerade einmal wieder auf. Spiegel Online schrieb:

Schock für die Musikwelt: Mit gerade einmal 48 Jahren ist die Sängerin Whitney Houston in Los Angeles gestorben.

Traurig: Das Flapsige in gerade einmal bringt bei einem Todesfall einen Bruch im Ton mit sich – es klingt pietätlos und unangemessen. Diesen Dienstag dann, als die Süddeutsche Zeitung den Wirtschaftsteil unter der Überschrift „Steuertrickser.com“ mit Apples niedrigen Steuern aufmachte, der bisherige Höhepunkt: In den ersten achtig Zeilen brodelte es namens der Leser derart in den Autoren, dass gerade einmal nicht weniger als dreimal herhalten musste.

Ein Steuersatz von gerade einmal 1,9 Prozent, um genau zu sein,

war das nämlich nur, den Apple zahlte. In der Kasse der nationalen Tochtergesellschaften

bleibt gerade einmal genug hängen, um die laufenden Kosten zu decken.

Und schließlich war das „Steuerparadies Irland“ dran:

Gerade einmal 12,5 Prozent Unternehmenssteuern werden dort fällig.

Weil die journalistische Form des Berichts in das mit Meinung verflochtene Storytelling übergegangen ist, mag gerade einmal hier absichtlich so häufig verwendet worden sein. Mir war’s zu viel – die Wiederholung ebenso wie die Empörung. Ich möchte an nur, nur noch und nicht mehr als erinnern. Ich glaube, der Leser ist klug genug, sich anhand der Fakten selbst eine Meinung zu bilden, und braucht keine Floskeln.

Mehr mediale Empörung.

One Response to Empörung inklusive: „Gerade einmal“

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