Zum Storytelling-Konzept gehören Redewendungen in der Headline. Deren Zahl ist begrenzt, Wiederholungen drohen – wie das folgende prominente Beispiel zeigt. 

Am 15.06.12 brachte die Süddeutsche Zeitung auf ihrer Seite Drei eine Reportage über den Prozess des norwegischen Massenmörders Anders Breivik. Titel: Nicht zu fassen. Kaum vier Monate später, am 11.10.12, finde ich, wieder auf der Seite Drei, eine Geschichte über die Schauspielerin Martina Gedeck aus Anlass ihres neuesten Films, „Die Wand“. Der Titel ist eine wortgleiche Wiederholung: Nicht zu fassen.

Wenn ich es polemisch kommentieren sollte, müsste ich jetzt sagen: Nicht zu fassen. Regelmäßige Leser dieses Blogs wissen, dass ich mich kritisch mit dem vorherrschenden Storytelling-Phänomen auseinandersetze, in dem statt nachrichtlicher Headlines fast nur Wortspiele, Redewendungen, Buch- oder Filmtitel für Schlagzeilen verwendet werden. Die Idee: Leserbindung statt Leserunterrichtung. Da bleibt es nicht aus, dass im endlichen Fundus an Redewendungen Wiederholungen auftauchen, und zwar schneller als einem lieb sein kann.

So zeigt dieses Beispiel eindrucksvoll die Grenzen dieses Konzepts: Es kommt schnell zu austauschbaren Zeilen. Die Interpretation, Konnotation und Assoziationen sind im Einzelfall zweifellos unterschiedlich: Hier der abscheuliche Attentäter, dessen Taten und Denken nicht zu begreifen sind, dort die Hommage an die Schauspielerin, die die Autorin in ihrer Vielseitigkeit, Subtilität und ihrem Nuancenreichtum zur Extraklasse stilisiert („Die Frau, die hypnotisieren kann.“).

Ich bin ziemlich sicher, dass ohne ein starres Konzept auch zwei unterschiedliche, auf den Inhalt abzielende Zeilen über den Artikeln hätten stehen können. Oder anders geschlussfolgert: Wer inhaltlich titelt, wiederholt sich nicht so schnell.

Zu den gelungensten Headlines 2011 geht es hier.

2 Responses to Nicht zu fassen: „nicht zu fassen“
  1. […] mediale Empörung. Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Stil, Tipps, Trends abgelegt und mit 2012, Sprachgebrauch […]


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