In den Medien breitet sich das Leiden aus. Nicht nur Menschen sind betroffen, auch auf Länder, Unternehmen und Märkte hat es übergegriffen. Beispiele, Erklärungen und Alternativen.

(10.7.2012) Haben oder sein, fragte Ernst Fromm, aber das ist lange her. Was die mediale Verwendung angeht, muss man heute eher fragen: Haben oder leiden? Man leidet an Krebs, man leidet an Kopfschmerz – in beiden Fällen könnte man ebensogut sagen, dass man Krebs, Kopfschmerz oder eine Krankheit hat. Ich erinnere mich an Zeiten, in denen das üblich war.

Leben wir in härteren Zeiten? Sind wir wehleidiger geworden? Die Berichterstattung einfühlsamer? Brauchen die Medien im allgemeinen Grundrauschen eine kräftige Interpretation? Seit der Mensch und die Folgen von Ereignissen für ihn (im Gegensatz zum Ereignis selbst) in den Mittelpunkt der Berichterstattung rücken, wird meinem Eindruck nach mehr gelitten.

Das Leiden erfasst Länder, Märkte und Unternehmen: Pakistan leidet an Energiemangel (Spiegel Online) – wo es ihm doch an Energie fehlt. Die US-Börse leidet unter Euro-Doppelschlag (Manager Magazin), während doch nur die Kurse sinken. Amazon schließlich leidet auf Heise Online unter dem Ausfall seines Cloud-Computing-Systems, das nachrichtlich betrachtet nur ausfällt.

Kürzlich hieß es auf Spiegel Online sogar, Millionen Amerikaner litten unter Hitze und Stürmen. Das klingt ungebräuchlich, man müsste anders an die Zeile rangehen: Stürme verwüsten Amerika, oder, wenn man über die Menschen berichten will, Hitze legt Amerika lahm oder macht Amerikanern zu schaffen.

Wie man an den Beispielen sieht: Das zunehmende Leiden hat auch mit eingeschränkter Wortwahl zu tun. Was leiden an etwas vom leiden unter etwas unterscheidet, hier.

2 Responses to Haben oder leiden?
  1. […] Wort und mediengerechte Wortwahl geht, sondern nur um aufgesetzt wirkende Einfühlsamkeit, zeigt ein anderes Beispiel. Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Stil, Trends abgelegt und mit 2012, Tagesschau, […]


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