Vor der EM unbekannt, nun in aller Munde: Zwei manipulierte Szenen aus Deutschland-Spielen haben den Replay Wipe bekannt gemacht. Wird er Anglizismus des Jahres?

(4.7.2012) Noch ist er frisch im öffentlichen Bewusstsein: Dieser hübsche Ausdruck dafür, wie die UEFA-„Weltregie“ während der Fußball-EM ihre ganz eigene Fernsehwirklichkeit geschaffen hat – den „Replay Wipe“.

Diese sog. „Wiederholungseinblendung“ war schon dreist: Joachim Löw kickte im Spiel gegen Holland dem Balljungen den Ball aus der Hand – allerdings Minuten vorher, und nicht zu dem Zeitpunkt, als es stattfand. So erhielt das an sich unverfängliche Ereignis einen neuen Sinnzusammenhang. Subtext: Löw nimmt die Holländer nicht ernst, sondern albert mit dem Balljungen. Es wurde eine Realität kreiert, die es so nicht gibt. Fußball in Zeiten der Scripted Reality.

Falsche Tränen: Keine Trauer, sondern Rührung

Schlimmer aber war die Szene, als im Spiel gegen Italien eine weinende Deutsche auf der Tribüne gezeigt wurde. Ihre Tränen flossen aber nicht wegen des Rückstands ihres Teams, wie der Schnitt suggerierte, sondern vor Rührung; die Szene wurde schon vor dem Spiel aufgezeichnet. Sie wurde eingeblendet, „um Emotionen und Anspannung der deutschen Fans bei diesem Spiel zu zeigen“, wie sich die UEFA zitieren ließ. Vor dem Spiel ist beim Spiel. Hübsch.

Jetzt hat der Begriff den Fernsehmacher-Jargon verlassen. Mal schauen, wie lange sich die Erregung darüber hält und ob sich in Zukunft Ähnliches wiederholt – dann nämlich könnte es der Replay Wipe ebenso als Anglizismus des Jahres schaffen wie das Konzept dahinter, die Human story of the game. In ihm ist das Spiel nicht intensiv genug, man muss es mit menschelnden Szenen anreichern.

Was einmal in der Welt ist, lässt sich schwer vertreiben. Wie Doping wird der Reality Wipe bleiben – das erhöht seine Chancen. Was 2011 Anglizismus des Jahres wurde, hier.

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