Queer, nicht Queen (SZ-Ausschnitt): Gossip-Sängerin Ditto (Mi.)

(12.5.2012) Heute im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung: Eine Besprechung des neuen Gossip-Albums. Nach der Lektüre stelle ich fest: Es ist die Zeit der Fragen. Was heißt queer? Der Autor verwendet es in dem etwa 120-Zeilen-langen Artikel gleich dreimal, zweimal als Adjektiv, einmal als Substantiv. Einmal heißt es queere Community, später feministisch-queeres Trio und zum Schluss selbstbewusste Queere. Wirklich – s. Abb.

Ganz schön verquer. Was sagt LeoSchwul. Warum kann man das nicht schreiben? Passt doch jedesmal prima, beim letzten Mal hätte man vielleicht Lesbe sagen sollen, sofern Sängerin Beth Ditto gemeint ist, oder Homosexuelle, wenn es allgemein gemeint sein sollte. Folgt man dem Wiki-Eintrag zu queer, umfasst das Wort noch mehr, nämlich das Abseitige, Abweichende, Andere; doch da der Autor Ditto und Band im Zusammenhang mit „Homorechten“, „Homoehe“ und „Ledersex-Schwulheit“ erwähnt, kommt man, finde ich, mit der Zuspitzung gut hin.

Zwei weitere überflüssige Anglizismen . . .

Neben queer finden wir in der Besprechung auch noch die englischen Begriffe misfit und campy. Außenseiter und tuntig hätten die Sachverhalte auch mit deutschen Worten angemessen beschrieben. Im ersten Fall macht der Autor es nur, weil er Missbrauchsopfer folgen lässt – der Stabreim heiligt die Mittel. Regelmäßige Leser dieses Blogs wissen, dass ich Lehnwörter aus dem Englischen für sinnvoll halte – wenn sie, wie googeln, einen Sachverhalt beschreiben, für den es kein geläufiges deutsches Wort gibt. Das ist ist hier in keinem Fall der Fall.

 . . . legen Zweck und Ursache nahe

Hypothese: Jüngere Schreiber drängen nach und versuchen, Szenesprache ins Feuilleton zu bringen, statt wie altgediente Kollegen mit Fremdworten aus dem Lateinischen oder Griechischen zu hubern. Hubern müssen beide. Eine gute Geschichte lebt gleichberechtigt von klaren Gedanken in verständlicher Sprache; angeberische Rhetorik, die den Leser zum Wörterbuch treibt, ist kundenfeindlich und desinformativ – also das Gegenteil dessen, was ein Artikel leisten soll.

Mehr Beispiele für Verschwurbelung statt Verständlichkeit im Feuilleton.

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