Fallbeispiel Lux (Titelbild): Pragmatismus vs. Regeltreue

Citys oder Cities? Wenn man englische Lehnwörter im Deutschen schreibt, stellt sich die Frage, nach welchen grammatischen Regeln – den original englischen oder den deutschen?

(10.3.2012, Nachtrag 25.3.2017)Allgemein entscheidet der Grad der sogenannten Assimilation, also Anpassung – wie lange und wie häufig ist ein Lehnwort schon in Gebrauch? Je häufiger und je länger Lehnworte in der neuen Sprache benutzt werden, desto eher werden sie deren Grammatik unterworfen, in diesem Fall der deutschen. Seltene oder neue Worte werden dagegen noch als das behandelt, was sie sind – ein Fremdwort. Doch auch diese Regel ist aus Gummi – wo die Grenze verläuft, lässt sich absolut nicht festlegen.

Wie brisant derlei Fragen in der Praxis sein können, zeigt das Beispiel der Lux, der Beilage der Süddeutschen Zeitung für „intelligente Energie“. Der langjährige Korrektor des Blattes beendete die Zusammenarbeit, weil eine Schreibung auf den Titel gehoben wurde, die er für falsch hielt.

Der Plural auf -s ist im Deutschen neu und selten

Die Titelgeschichte der letzten Ausgabe behandelt nämlich Megacities (s. Abb.). Das Wort City ist im Deutschen schon lange geläufig, der Plural auf -s ist relativ neu. Er betrifft vorwiegend Hauptworte, die mit einem Vokal enden, und es wird einfach nur ein s angehängt  – denken Sie an Partys, Babys, Storys, Handys, Lobbys oder Hobbys – alle mit angehängtem s. Handys sind besonders instruktiv, weil das Wort zwar englisch klingt, aber deutsch ist. Die Regel gilt auch für Citys, wie der Duden bestätigt.

Die Megacity hat schon einen eigenen Dudeneintrag, aber sie wird noch nicht dekliniert – ein Indikator dafür, dass der Eintrag noch recht frisch ist. Hier wird also nicht assimiliert, also Regeln des Deutschen unterworfen, sondern noch die englische Schreibung übernommen.

Dudenregel vs. Pragmatismus

Was sprach aus Sicht der Redaktion für Megacities? Chefredakteur Herbert Lechner entschied die Frage pragmatisch: „Megacities ist in der Presse die weitaus gebräuchlichere Variante, auch wenn der Duden nur die ys-Schreibweise zulässt.“

Und tatsächlich: Megacities bringt es bei Google auf 472.000 Treffer (Seiten auf Deutsch), Megacitys dagen nur auf 54.000 (Stand: Februar 2012). Ausgewählte Gegenproben: Die Cities schlagen Citys, die Stories schlagen die Storys, nur die Babies unterliegen deutlich den Babys.

Topstorys-deutsche-Grammatik

Vernunft vs. Impuls? Hier siegte ersteres.

Nachtrag (25.3.2017): Mit einem Kunden habe ich gerade die Erweiterung der Startseite abgeschlossen. Er wünschte sich eine Rubrik Topstorys – s. Bildschirmfoto. Der technische Teil war bereits im CMS implementiert, als die Frage nach der Schreibung aufkam; Topstories sei geläufiger, lautete das erste Argument – wie auch bei Hr. Lechner. Da es unfein gewesen wäre, auf mein eigenes Blog hinzuweisen, zog ich den Kollegen Sick und seinen Zwiebelfisch zurate. Er bestätigt vollumfänglich meine Ausführungen. Zu meiner Freude ließ sich auch der Kunde davon überzeugen – wir einigten uns auf Topstorys.

Ein weiterer schwieriger Plural ist der bei Abkürzungen.

3 Responses to Citys vs. Cities – wie wird der Plural gebildet?
  1. […] Grammatik. Aber soweit sind die Berühmtheiten nach sechs Jahren wohl noch nicht. Mehr zur Pluralbildung bei Anglizismen. Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Stil, Trends abgelegt und mit 2013, Anglizismen, TV, […]

  2. […] Einfluss englischer Grammatikregeln auf die Entwicklung des Deutschen, z.B. in der Pluralbildung Citys vs. Cities? Wie vermittelt man die Tatsache, dass englische und deutsche Sprache unterschiedlichen Regeln […]

  3. […] Citys vs. Cities – wie wird der Plural gebildet? (März 2012) […]


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