Selbst gedankengeschärfte und gewandte Schreiber wie Dr. Dr. Rainer Erlinger fallen manchmal auf Tautologien rein – weil die sich gern raffiniert verstecken. Im Süddeutschen Magazin fand ich im Intro seiner Gewissens-Kolumne vor einiger Zeit den Satz:

„Auf YouTube erreichen Videos von kleinen Kindern zum Teil bis zu 200 Millionen Klicks.“

Regelmäßige Leser dieses Blogs ahnen, wie ich die Formel „bis zu“ finde, die alltäglich in den Nachrichten dafür herhält, dass man es nicht genau weiß und trotzdem eine Zahl nennen muss. Tröstlich: Mehr ist es wahrscheinlich nicht, doch sicher kann man trotzdem nicht sein – Genauigkeit im Ungefähren. Der Preis: Sätze, Überschriften und Intros werden unnötig verunstaltet. Dazu ein anderes Mal mehr.

Ich schreibe über den Satz, weil er außerdem eine Tautologie enthält, also einen Sachverhalt doppelt ausdrückt. Die Videos erreichen nämlich zum Teil bis zu 200 Millionen Klicks. Logiktest: Videos, die 200 Millionen Mal angeklickt werden, sind ein Teil aller Videos, Videos mit weniger Klicks ein anderer. Beide Teile zusammen erreichen bis zu 200 Millionen. Beschränkt man sich auf zum Teil, ist das hässliche bis zu überflüssig, und es entsteht der lupenreine Satz:

„Auf YouTube erreichen Videos von kleinen Kindern zum Teil 200 Millionen Klicks.“

Oder man schreibt, die Videos erreichen bis zu 200 Millionen Klicks. Aber beides ist redundant und eines zu viel. Besser noch wäre:

„Auf YouTube werden manche Videos mit kleinen Kindern 200 Millionen Mal angeklickt.“

Manche (für Mengen) und stellenweise (für Orte) sind gute Alternativen, um bis zu zu vermeiden. Das von habe ich durch mit ersetzt, sonst hätte man den Satz auch so verstehen können, dass die kleinen Kinder es sind, die klicken. Trotzdem das Fazit: Der aktive Verbalstil löst fast jedes Problem – auch dieses. Und das schwache Verb erreichen wurde zugleich elegant eliminiert.

One Response to Genauigkeit im Ungefähren: bis zu
  1. […] Einen ersten Fall von bis zu habe ich im Februar am Beispiel Dr. Dr. Erlingers erörtert. Dieser Beitrag wurde unter Stil, Tipps, Trends abgelegt und mit 2011, Präposition, Redundanz, Sprachentwicklung, Süddeutsche Zeitung, Tagesschau, Tautologie verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. ← Nicht zu fassen: „nicht zu fassen“ […]


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