Der Wetterbericht erscheint sprachlich nüchtern und neutral, kann aber in seinen Aussagen eine Neigung zu Blumigkeit und schiefen Bildern nicht verbergen.

BILD-Titelthema Wetter (Ausschnitt): Schock vs. Klingeln in den Ohren

(4.2.2012, Nachtrag 12.2.2012) -21 Grad, Kälteschock titelte Bild gestern (3.2.) dramatisch, nachdem der Winter bisher recht mild war (s. Bild). Der Wetterbericht der Tagesschau drückt sich moderater aus, veranlasst mich aber zu einem Blogeintrag.

Die klirrende Kälte hat Deutschland fest im Griff,

hieß es Donnerstag Abend (2.2.) beispielsweise über das Hoch Cooper, das von Sibirien aus Winterwetter bringt.

Immer wieder schön, eine Floskel wie die von der Kälte, die klirrt, zu hören. Schlimmer aber ist es, wenn das Bild schief wird. Ich frage mich: Wie kann ein Geräusch wie klirren, das beschreibt, wenn Metall oder Glas gegeneinander stößt und ein schepperndes oder helles Geräusch von sich gibt, ein Land im Griff haben? Klingelt es uns allen in den Ohren, wenn es friert? Woher kommt das Bild überhaupt: Von Eiszapfen? Scheinen die Dinge bei Temperaturen unter dem Gefrierpunkt allgemein so zerbrechlich, dass sie zerspringen?

Vom Geräusch zu Kraft und Strenge

Wenn man diese Formulierung retten wollte, könnte man höchstens sagen, dass die klirrende Kälte die Ohren betäubt. Das ist nicht ganz falsch, denn Hände und Füße können durchaus taub werden, wenn sie wegen niedriger Temperaturen nicht durchblutet werden. Aber so richtig passt es nicht, denn als ohrenbetäubend bezeichnen wir Lärm; Kälte dagegen wirkt anders, sie geht weiter, zieht durch Mark und Bein. Und wenn man sich mal auf das Gefühl konzentriert, stellt man fest: Kälte beißt. Aber auch beißende Kälte kann kein Land im Griff haben.

Da hilft eigentlich nur der Abschied von der Geräusch- und Bisskulisse. Wie wär’s mit strengem Frost – der könnte uns auch wieder im Griff haben? Oder kräftiger Frost – der kann auch zupacken.

Mehr über die eigenwillige Sprache des ARD-Wetterberichts hier.

Klirrende Kälte – Nachtrag

Nachtrag (6.2.2012): Eine Kollegin merkt an, dass klirrende Kälte ein Land durchaus im Griff haben könne. Ihr Gegenbeispiel: „Das schreiende Kind rempelt mich an.“ In meiner Logik dürfe man das nicht sagen, aber es sei doch ein zulässiger Satz mit einer geraden Aussage. Richtig, allerdings enthält der Satz gar keine Metapher – und dann kann auch nichts schief sein. Klirrende Kälte kann auch Wasserrohre zum Platzen bringen – denn auch diese Aussage enthält keine Metapher.

Nachtrag (12.2.2012) Den formelhaften Charakter der Sprache im Wetterbericht unterstrich Tagesschau-Sprecherin Ellen Arnhold gestern Abend. Klirrende Kälte hat Deutschland weiter fest im Griff war wörtlich ihr Eingangssatz zu einem Bericht über die Auswirkungen des Winterwetters.

2 Responses to Klirrende Kälte: Die Sprache im Wetterbericht (2)
  1. Ich habe gerade etwas schönes über Klirrende Kälte gelesen (in einem Buch von Andreas Eschbach) . Die Aussage war etwa so = Atem der zu Nebel wird der dann zu Eis wird und klirrend zu Boden fällt!…. Darauf hin dachte ich mir das wenn das so stimmt würde ich gerne hören wie es klingt. Awenn es so wäre hätte man es sicher schon in Filmen gehört!!
    Also wollte ich googlen ob da was dran ist
    Bin dann auf Ihre Seite gestoßen und werde wohl in Zukunft mehr auf diese ‘eigenartigen Beschreibungen achten. Gerade bei Nachrichten! Ich habe mir noch nie darum Gedanken gemacht ob das angemessen ist bei Nachrichten solche ‘Redewendungen zu benutzen’ (wenn ich mir vorstelle das das auch noch fürs Ausland übersetzt werden könnte, oh Weih was da für Kauderwelsch rauskommt)

    • @Fiona: Guter Punkt mit den Übersetzungen. Es wäre sicher eine Herausforderung, diese blumigen Wendungen in eine andere Sprache zu übertragen. Soweit ich weiß, ist es aber nicht erforderlich, weil Länder wegen unterschiedlicher Wetterlagen eigene Berichte und Vorhersagen produzieren.


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