(3.11.2011) Griechenland und die EU kommen nicht zur Ruhe, ein Krisengipfel jagt den nächsten, Staatsoberhäupter schlagen sich die Nächte um die Ohren. Nichts wünscht man den Beteiligten mehr als eine Atempause, vielleicht ja auch sie für sich selbst.

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Schlagzeile im Handelsblatt (Ausschnitt): Endlich Atempause

Der fromme Wunsch für die Politiker in Stress, Hektik und unter Druck findet sich verbal auch in der Berichterstattung wieder. So liest man in Berichten zur Finanzkrise, wie unlängst hier in der Zeit oder im Handelsblatt (s. Abb.), die Beschlüsse brächten Griechenland eine Atempause. Es ist ähnlich wie mit den Atomkraftwerken und Bahnhöfen, die einem Stresstest unterzogen werden – unter der Last des Bildes ächzt der Rahmen.

. . . fächeln Livrierte frische Luft

Wie komisch und merkwürdig diese Metapher eigentlich ist, zeigt sich, wenn man sich bildlich vorstellt, wie Angela Merkel, Nicolas Sarkozy und Millionen Griechen erschöpft stehenbleiben, sich den Schweiß von der Stirn verwischen und tief Luft holen, weil sie nicht mehr können. Livrierte springen aus den Kulissen hervor, bringen einen Stuhl, ein Getränk und vielleicht einen Fächer. Die Wendung zeigt aber auch, wie gern die Politik und Medien Bilder verwenden, weil sie veranschaulichen und sich einprägen. Man könnte ja auch davon ganz sachlich davon sprechen, dass Griechenland Zeit gewinnt.

Dabei macht man sich gern die Assoziationen zu eigen, die ein Bild mit sich bringt: Es muss schon anstrengender als üblich sein, wenn man eine Atempause statt einer Pause braucht. Pausen haben alle, doch eine Atempause ist nicht irgendeine Pause: Darin schwingt die Last der Verantwortung mit – an ihr trägt nicht jeder so schwer.

Kein Kandidat für das Wort oder Unwort des Jahres, aber ein Wort im Trend.

2 Responses to Stehenbleiben und tief Luft holen: Die Atempause
  1. Gut analysiert 🙂
    Die Bilder in den Medien prägen ohnehin stark unser Bild des Geschehens. Nüchterne Artikel können so aufgeladen werden und beeinflussen natürlich auch den Leser.

  2. @ Anni:

    Danke. Bilder verhüllen auch gern die Wirklichkeiten, machen sie schöner, glamouröser oder harmloser. Das nutzt die Politik gern, mehr darüber gibt’s auf Neusprech.org


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