Irgendwann haben wir in der Schule gelernt, dass wir uns nicht wiederholen sollen; das sei schlechter Stil. Seitdem ersetzen wir ein Wort durch ein anderes. So wird aus Boris Becker der Leimener, der Wimbledonsieger und der 17-jährige – so alt war er damals –, wenn wir schreiben. Mal ehrlich: Wenn Sie sich beim Abendbrot mit ihren Lieben unterhalten, würden Sie jemals Boris Becker als den Leimener bezeichnen?

Meldung-Rentner-Synonym-Text

71-jähriger Rentner vs. 41-jährigen Zeitungsausträger: Wer haut wen?

Was wir in der Schule lernen, lernen wir fürs Leben. Das muss der Grund sein, warum der Hang zu Synonymen, Ersetzungen also, sich in Texten so hartnäckig hält. Heute habe ich ein hochkonzentriertes Beispiel für Sie – s. Abb.  Die Meldung unter der Überschrift „Zeitungsdieb fährt Zeugen an“ erschien gestern im München-Teil der Süddeutschen Zeitung (Hervorhebungen der Synonyme von mir):

Ein ertappter Zeitungsdieb, 71 Jahre alt, ist am Dienstag auf einen Zeugen losgegangen und hat ihn mit dem Auto angefahren, als dieser ihn an der Flucht hindern wollte. Der Zeuge ist von Beruf Zeitungsausträger und vermutlich ärgerte er sich, als er mittags in Waldtrudering den Münchener beobachtete, wie er aus einen Zeitungskasten ein Exemplar klaute. Der Karlsfelder sprach den Dieb an, doch der war uneinsichtig und schubste den Mann zur Seite – direkt auf die Wasserburger Landstraße, wo gerade kein Auto fuhr. Dann wollte der Dieb in seinem Wagen flüchten. Der 41-jährige Zeuge stellte sich vor das Auto, trotzdem gab der Rentner Gas. Der 41-Jährige erlitt leichte Verletzungen und kam in eine Klinik. Der Dieb flüchtete, stellte sich aber später der Polizei.

Das Schlimme ist, dass zu viele Synonyme verwirren. Es wird soviel ersetzt, und das wahllos, je nachdem, was noch nicht gesagt war oder noch reingequetscht werden musste, dass nach dem Lesen das Gehirn raucht: Wer ist der Münchener, wer der Karlsfelder, welcher der beiden Männer ist wie alt, und wer macht was von Beruf? Wie wäre es so:

Ein 71-jähriger Rentner ging am Dienstag Mittag in Waldtrudering auf einen 41-jährigen Mann los, der den Rentner dabei ertappt hatte, als er eine Zeitung stehlen wollte. Der Mann, Zeitungsausträger aus Karlsfeld, beobachtete den Diebstahl und stellte den Dieb zur Rede. Doch der war uneinsichtig und schubste den Zeugen zur Seite – direkt auf die Wasserburger Landstraße, wo glücklicherweise gerade kein Auto fuhr. Dann wollte der Dieb in seinem Wagen flüchten. Der Zeuge stellte sich vor das Auto, der Rentner gab Gas. Dabei verletzte sich  der Zeitungsausträger leicht und musste im Krankenhaus behandelt werden. Der Dieb flüchtete, stellte sich aber später der Polizei.

2 Responses to Der diebische Rentner: Eine Synonym-Orgie
  1. Ja solche Texte kenne ich zur genüge. Leider scheint sich der Gebrauch von Synonymen mittlerweile zu einem regelrechten Sport entwickelt zu haben. Dabei ist weniger manchmal wirklich mehr. Und Namen darf man tatsächlich auch benutzen ohne vorher drei Synonyme gebraucht zu haben.

  2. @ Franziska:

    Unter Zeitungsjournalisten wird gern als Begründung angeführt, dass man aus Platzmangel Synonyme benutzen müsse, also um die Informationsdichte eines Textes zu erhöhen. Allerdings lassen sie dabei außer acht, ob die Information auch wirklich sinnvoll ist. Was ist (in Bezug auf die Meldung) gewonnen, wenn ich weiß, dass Becker aus Leimen, Schumacher aus Kerpen oder Steffi Graf aus Brühl kommt? 😉


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