Peer Steinbrück

Ex-Finanzminister Steinbrück: Das Verb gern mittig (Ⓒ privat)

(15.4.2011) Kürzlich interviewte ich Peer Steinbrück. Während der Ex-Finanzminister meine Fragen beantwortete, bemerkte ich an ihm eine Angewohnheit, die man neuerdings öfter hört: Dass jemand das Verb in die Mitte eines Satzes stellt – statt an den Schluss.

Steinbrück sagte zum Beispiel:

„Das wird sich ergeben zum richtigen Zeitpunkt.“

Dabei heißt es eigentlich:

„Das wird sich zum richtigen Zeitpunkt ergeben.“

Diese Eigentümlichkeit ist deswegen so beliebt, weil es dem Sprecher leichter fällt, seinen Satz zu Ende zu bringen – er muss das Verb kürzer im Hinterkopf behalten. Es ist auch für den Zuhörer oder Leser vorteilhaft, denn er wartet auf das handlungstragende Element, um den Satz in seiner Bedeutung zu entschlüsseln. Und doch ist es falsch. Bei zusammengesetzten Formen steht das Verb am Satzende. Steinbrück hat‘s selbst bemerkt. In der Druckfassung sind die Sätze richtig – mit dem Verb hinten.

Trotzdem greift die Praxis auf das Schreiben über – wo man Zeit und Gelegenheit hätte, die Wortstellung zu überprüfen und zu korrigieren. Das liest sich dann so:

„Bradley Cooper und Robert De Niro versuchen, einen klaren Kopf zu behalten in Neil Burgers Kinothriller „Ohne Limit““,

schreibt Susan Vahabzadeh heute in der Süddeutschen Zeitung. Der Satz steht nicht irgendwo im Lauftext, sondern ist das Intro ihrer Besprechung.

„Bradley Cooper und Robert De Niro versuchen, in Neil Burgers Kinothriller „Ohne Limit“ einen klaren Kopf zu behalten“,

müsste es heißen. Beim Lesen fällt vielleicht nicht gleich auf, dass Nebensätze mit einem Verb enden, aber beim Sprechen. Mir hilft es, einen Text laut zu lesen, wenn ich ihn geschrieben habe. Dann stolpert man sofort über jede Schrulle.

7 Responses to Die neue Mitte: Das Verb
  1. Genial! Sehr gut!

    Mikael

    • Danke! :-)

      Ich werde mich bemühen, regelmäßige Leser weiter mit interessanten Beiträgen zu überraschen. Dranbleiben!

  2. […] Man hört diese Substantivierung oft gesprochen, was sie quasi-richtig macht; ähnlich dem Trend, das Verb in die Satzmitte zu stellen, statt ans Ende, wie sonst im Schriftdeutsch üblich. Dieser Beitrag wurde unter […]

  3. […] Angela Merkel und Peer Steinbrück die Sprache selbst beeinflussen. Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Übersetzung abgelegt und […]

  4. Warum sollte die Satzstellung von Herrn Steinbrück falsch sein? Ungewöhnlich – ja, das ist sie. Aber falsch? Mit diesem Argument könnte man fast alle klassischen deutschen Dichter in einen Deutschkurs schicken!

    In Wirklichkeit ist es eine Eigenheit der deutschen Sprache, dem Sprecher sehr große Freiheiten bei der Wahl der Reihenfolge der Satzbestandteile zu gestatten. Im Englischen, Spanischen und Französischen gibt es diese Möglichkeit nicht. Vor allem beim Englischen ist der Grund sofort einsichtig: die Sätze würden schnell unverständlich. Im Deutschen sorgen die Endungen der Worte zusammen mit den Präpositionen dafür, dass der Satz verständlich bleibt.

    Das gleiche System gibt es beim Lateinischen, nur dass es dort – wie jeder Lateinschülter aus leidiger Erfahrung weiß – bis zum Extrem geführt wurde. Vermutlich war es dort genauso wie im Deutschen: es gab eine Standard-Wortreihenfolge, von der nur abgewichen wurde, wenn man etwas besonders betonen wollte. Oder wenn man Schriftsteller war.

    Die Besonderheit bei Herrn Steinbrück ist nur, dass er von der Standardreihenfolge abweicht, ohne etwas betonen zu wollen.

    • Deutsch gibt sehr viele Freiheiten, aber doch auch einige Grundregeln. Zur Wortstellung des Prädikates zusammengesetzter Verbformen s. hier. Demnach steht das Hauptverb hinten.
      Mir ging es in dem Post weniger um die Frage, ob es ein Fehler ist oder nicht, sondern dass dieses Phänomen zunehmend auftritt – vgl. die anderen Beispiele.

  5. […] ans Ende, sondern in die Mitte zu stellen. Dies tat aber vor allem der politische Gegner, z.B. in Gestalt von Peer Steinbrück. Dieser eigenwillige, vermeintlich progressive, aber grammatisch doch recht falsche Gebrauch „Es […]


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