Was war nochmal Gentrifizierung?

Gestern starb Adam Yauch mit 47 an Speicheldrüsenkrebs, heute würdigen die Feuilletons sein Schaffen mit den Beastie Boys. Darin lese ich, dass Yauch mit dem Musizieren auf der Lower East Side Manhattans begann, und zwar vor der Gentrifizierung.

Da ist es wieder, dieses Wort, das groß, mächtig und wie ein überwältigendes Phänomen klingt; das vor einiger Zeit schon mal stärker in Mode war und dessen Einsatz seitdem auf kleinerer Flamme vor sich hin köchelt; und von dem sich nicht wenige, mich eingeschlossen, fragen, was es eigentlich bedeutet. Ist es eine ansteckende Krankheit? Geht’s um die Gleichstellung von Mann und Frau? Die Überalterung der Bevölkerung? Der Duden definiert es so:

Aufwertung eines Stadtteils durch . . . Sanierung oder Umbau mit der Folge, dass die . . . Bevölkerung durch Wohlhabendere . . .  verdrängt wird.

Als Jargon wird Yuppisierung angegeben. (Die Punkte bedeuten, dass ich mir die Freiheit genommen habe, ein paar Worte zu entfernen, die vermeintlich die Genauigkeit erhöhen, aber die Verständlichkeit erschweren.) Aus dem Eintrag geht auch hervor, dass der Begriff aus der Soziologie stammt, und wer noch tiefer in die Materie eindringen möchte, findet hier sogar einen speziellen Blog, der über die G. in deutschen Städten berichtet.

Zur Wortherkunft habe ich in der Wikipedia gefunden, dass das englische Gentry so viel wie niederer Adel bedeutet. Im 18. Jahrhundert zog der offenbar vom Stadtrand ins Zentrum zurück und verdrängte dabei die angestammte Wohnbevölkerung.

Bleibt noch die Frage der Aussprache. Gentry wird nämlich [dʒɛntri] ausgesprochen, also mit dsch am Anfang. Während wir das im Deutschen tapfer beibehalten, wenn wir etwa Gentleman sagen, ist das dsch bei der Gentrifizierung auf der Strecke geblieben, wie sich hier überprüfen lässt.

In meiner Zeit in New York in den Neunzigern war die Lower East Side ziemlich heruntergekommen. Sie kann eigentlich nur schöner geworden sein, wenn ein paar der hässlichen Gebäude abgerissen und durch neue ersetzt wurden.

Weitere Fremdwörter aus der Welt des Feuilletons hier in meiner Liste der 25 populärsten Feuilletonphrasen.

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Stummeldeutsch: Schwarzarbeit und Geldsklaven

Kleine Presseschau: Wie seltsame Zwänge den natürlichen Sprachfluss bremsen.

Titelzeile der AZ: Wir können auch ohne.

Merkwürdige Entdeckung gestern in der Abendzeitung. Schwarzarbeit-Report lautet die Zeile. Stummeldeutsch, ohne Fugen-s, das normalerweise gebraucht wird, wenn man zwei Substantive zusammensetzen will: Schwarzarbeitsreport. Wahrscheinlich, weil sie’s in zwei Zeilen gesetzt haben und meinten, so lese es sich besser. Aber dann hätten sie doch auch mit einem Doppelpunkt arbeiten können. Schwarzarbeit: Der Report. Hätte gleichzeitig noch den Anschein von Exklusivität erweckt.

Als „Sklave des Geldes“ . . .

Ungefähr so merkwürdig ist eine Stelle in einem Bericht über MEG, den ehemals größten deutschen Krankenversicherungsvertrieb (noch ein Fugen-s) aus dem Wirtschaftsteil der Süddeutschen Zeitung vom selben Tag. Da heißt es an einer Stelle, der Erfolg der Firma sei u.a.

durch die Gier eines Narzissten zu erklären, der sich als „Sklave des Geldes“ bezeichnete.

Da bleibt man erstmal stecken, oder? Ich verstehe die Autorin: Sie zitiert einen feststehenden Ausdruck, den sie unter keinen Umständen verändern zu dürfen glaubt. „Sklave des Geldes“. Doch nichts spräche dagegen, die Form zu beugen, wie man es doch auch täte, wenn man darüber redete oder ohne Anführungszeichen darüber schriebe. Als wen bezeichnete sich der Narziss? Als „Sklaven des Geldes“. Würde der Sinn entstellt? Nein. Läse es sich besser? Eindeutig.

. . . stört den natürlichen Fluss.

Warum ich diese beiden Fälle zusammenfasse? Mir geht es nicht darum, dass Regeln gebeugt werden. Sondern darum, wie Schemen den natürlichen Fluss verändern und damit die Verständlichkeit verschlechtern.  Einmal ein Übersichtlichkeits-, einmal ein Zitatzwang – beide unnötig.

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„Gauck wirkt angefasst“: Die neue Berührung

Anfassen, das war bisher eine im Wortsinn manuelle Angelegenheit. Die Hände berühren etwas, manchmal nur um zu spüren, wie sich der Gegenstand anfühlt, den man da hält, manchmal, um damit noch etwas anderes zu tun. Im übertragenen Sinn gab es nur noch eine Nebenbedeutung, nämlich etwas anzupacken.

Die Bedeutung des Wortes hat sich erweitert: Man kann nun auch emotional angefasst sein, oder wenn man dabei beobachtet wird, angefasst wirken. Die Wendung ersetzt – zumindest vorübergehend – die bisherige Aussage, dass einen etwas berührt oder angegriffen hat. Und während bislang eine gewisse Abscheu, Abneigung oder Widerwille damit verbunden war, wenn man angefasst wurde, ist es nun so besetzt, dass man sich peinlich berührt oder verletzt fühlt.

Beleg dafür wäre dieser Artikel im Sportteil auf Zeit-Online über DFB-Präsident Theo Zwanziger, ein früher Fund vom Oktober 2010, der zuerst im Tagesspiegel erschien. Aber auch in Politik und Kultur wirkt man manchmal angefasst, hier zum Beispiel Bundespräsident Joachim Gauck in einem neueren Artikel in der Zeit von Mitte März.

Woher es wohl kommt? Als Quelle könnte das Englische to touch dienen, weil es beide Seiten abdeckt, physisch und psychisch. Was noch auffällt: Im Unterschied zum physischen Anfassen funktioniert die neue Variante nur passiv – man kann nur angefasst werden, nicht aber selbst etwas anfassen.

Bin gespannt, wieweit sich die neue Form der Berührung ausbreitet.

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Unwortkandidat Fehlanreiz

So, hier ist der erste Kandidat für das Unwort des Jahres. Der geneigte Leser verfolgt sicher die politische Debatte: Die Union möchte ein Betreuungsgeld für Familien einführen, deren Kinder keinen Kindergarten besuchen, und Kritiker befürchten Fehlanreize.

Erstens, weil das Betreuungsgeld als eine Art Gehalt für mütterliche Erziehungsleistungen verstanden werden könnte, die dadurch davon abgehalten werden, eine Erwerbstätigkeit aufzunehmen. Nicht, dass man von den 150 Euro monatlich, um die es geht, leben könnte, aber der gedankliche Ansatz ist: Hier werde eine Herdprämie ausgelobt, und damit ein überholtes Frauen-, Rollen- und Familienbild gefördert.

Seine Pikanterie entfaltet das Betreuungsgeld im zweiten Aspekt. Nach den Regierungs-plänen sollen es sich Hartz-IV-Empfänger anrechnen lassen. Begründung: Fehlanreize, womit nichts anderes als die Befürchtung gemeint ist, dass, um es in den Worten Harald Schmidts zu sagen, Mami und Papi die Kohle für Schnaps, billiges Bier und Zigaretten in den nächsten Penny tragen, statt es für ihre Kinder auszugeben. Oder sich selbst eine Opernkarte zu kaufen, wie Wohlmeinende es sich wünschen, wenn sie von Teilhabe sprechen.

Das darf man nicht so offen sagen, weil solche Äußerungen als herablassend, verächtlich und klischeehaft gelten würden, selbst wenn die Vermutung realistisch wäre. So verwendet man ein Hüllwort – und spricht vornehm und politisch korrekt vom Fehlanreiz.  Ob das Wort am Jahresende auf den Unwort-Listen auftaucht, wird davon abhängen, wielange sich das Betreuungsgeld in der Diskussion hält.

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Mit einem Wort: Unersetzbar (Mario Gomez)

Fußballstar Gomez (Ausschnitt): Nur einer ist unersetzlich

Ich habe schon ein paarmal über den Trend zu vertauschten Adjektiv-Endungen (von -lich zu -bar) geschrieben; auch über den Trend zur Einwort-Überschrift, den Zeitungen im Versuch, Hintergrundgeschichten zu bringen, verstärkt und manchmal auf die Spitze treiben. Vor kurzem machte mir die Süddeutsche Zeitung das Geschenk, über beides gleichzeitig zu bloggen.

Unersetzbar

lautete nämlich die Einwort-Überschrift über dem Aufmacher im Sportteil. Nur – um wen geht es eigentlich? Dafür muss man schon die Subline lesen oder auf das Foto schauen: Stürmer Mario Gomez, dessen Tore Bayern München bis ins Champions League-Halbfinale gebracht haben. Zugegeben: Eine Übertragungsleistung, die man von einem durchschnittlich sportinteressierten Leser erwarten darf. Aber wer Gomez nicht kennt oder nicht gleich erkennt, muss erstmal das Intro lesen.

Information wird teurer . . .

Die neue Strategie besagt, dadurch würde der Leser geradezu gezwungen, sich der Geschichte zuzuwenden. Nur dass man mit der Logik Headlines und Intros auch kleiner drucken könnte, damit der Leser genauer hinschauen muss. In die Überschrift sollte man deshalb das Wichtigste legen, und dazu gehört die Information, um wen es sich handelt. Anders gesagt: Die Kosten der Informationsbeschaffung steigen, je mehr Zeit ich dafür aufwenden muss. Ein-Wort-Überschriften sind ökonomisch unterlegen.

. . . wenn die Headline austauschbar ist

Problematisch ist die Schlagzeile außerdem, weil sich mit unersetzbar auch eine Geschichte über Angela Merkel betiteln ließe, oder über Günter Jauch (als Millionär-Moderator), über Ferdinand Piech (als VW-Aufsichtsratsmitglied), Sven Regner (als Element-of-Crime-Sänger) oder oder oder. Sie sehen schon: Unersetzbar ist austauschbar, eine gute Headline ist es nicht.

Das Wort selbst hat sich im Duden schon genauso etabliert wie das ursprüngliche unersetzlich. Vielleicht wird mein Zweifel an der Wortwahl klarer, wenn wir den Beispielsatz des Duden betrachten:

Er hielt sich für unersetzbar.

Das klingt fremd; vertrauter ist die Wendung, die auch schon Herbert Grönemeyer sang:

Männer sind auf dieser Welt einfach unersetzlich.

Bevor mich jemand nach dem Allgemeinen Gleichstellungsgesetz auf Diskriminierung verklagt: Frauen auch. Das soll’s dann zu beiden Themen bis auf weiteres gewesen sein.

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