Rollen oder krempeln? Wie das englische Original einen Übersetzer auf die falsche Fährte bringen kann.

(6.9.2017, Nachtrag 7.9.2017) Heute eine Spezialfrage: Kann man einen Ärmel hinunterrollen? Das schlägt der Übersetzer des Romans „Ein wenig Leben“ der amerikanischen Schriftstellerin Hanya Yanagihara auf S. 652 vor.

Jude, die männliche Hauptperson, ritzt sich, sein Freund Willem will Judes Unterarme kontrollieren, und dann

rollte (Jude) die Ärmel wieder hinunter und schloss die Manschetten.

Ich meine, damit ist der Übersetzer einem Reflex aufgesessen, nämlich zu nah am Original zu bleiben und mehr oder weniger wörtlich zu übernehmen, ohne dass man generell von einem falschen Freund sprechen könnte. Denn im Englischen benutzt man to roll sleeves.

960 Seiten übersetzen forderten ihren Tribut. (© Hanser Berlin)

Aber kann man im Deutschen einen Ärmel ab- bzw. hinunterrollen? Nein. Schließlich kann nur rollen, was Räder hat (s. Nachtrag). Die fehlen an einem Ärmel. Krempeln ist das deutsche Wort, sofern bei der Bewegung umgeschlagen wird, oder (hoch- oder runter) schieben, wenn die Person auf das Umschlagen verzichtet und den Ärmel im Ganzen bewegt. Das bestätigt auch die Suche auf der Übersetzungsseite dict:cc. Interessant, dass der Duden aufrollen als Synonym für hochkrempeln nennt.

Dies soll keine generelle Kritik an der sehr soliden deutschen Übersetzung sein. Es ließ sich an ihr nur ein typisches Beispiel belegen. Mir ist auch klar, dass man auf insgesamt 960 Seiten stellenweise den Blick für Feinheiten verlieren bzw. das Sprachgefühl vorübergehend verloren gehen kann. Abgesehen von dieser speziellen sprachlichen Frage kann ich den Roman inhaltlich uneingeschränkt empfehlen.

Bewegungsverben machen beim Übersetzen manchmal Probleme. Hier gehts zu den gleitenden Autos.

P.S. Auch wenn Tränen rollen, ist es nicht schön; sie kullern oder fließen.

Nachtrag, 7.9.2017: Eine aufmerksame Leserin schreibt: „Das stimmt doch gar nicht! Socken kann man durchaus rollen, auch hinunterrollen. Teig kann man rollen. Ein Ei kann auch selber rollen. Nämlich von der Arbeitsplatte. Eine Zunge kann man rollen. Augen auch. Man kann aus dem Bett rollen. Sogar ein Schiff kann rollen.“ Stimmt – nicht zu Ende gedacht.

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