In eng getakteten Online-Redaktionen muss oft eine unklare Nachrichtenlage überbrückt werden. Das hat Konsequenzen fürs Zeilenmachen. Doch statt sperriger Füller wie „offenbar“ oder „vermutlich“ gibt es eine elegante Lösung: Die Frage. Vier aktuelle Beispiele.

Frage-Headline-2017

Wenn der Sachverhalt fraglich ist . . . bietet sich das Fragezeichen an (Bildschirmfoto)

Das Nachrichtengeschäft  ist online enorm schnell geworden. Häufig lässt sich das Ergebnis der Ereignisse nicht abwarten, vorab muss über den Stand der Geschehnisse berichtet werden. Das Publikum will jederzeit den aktuellen Stand kennen, die Angst der Redaktionen, unzufriedene User könnten zur schnelleren Konkurrenz abwandern und dort hängenbleiben, verstärkt den Hang zur Hektik.

Die Gleichzeitigkeit zwischen Ereignis und Berichterstattung ist faktisch da. Folge: In den Schlagzeilen müssen vorübergehend Vermutungen, Gerüchte oder Spekulationen wiedergegeben werden. Sprachlich bedeutet das: Wir finden in solchen Fällen Wörter wie „vermutlich“, „offenbar“ oder Hilfsverbkonstruktionen wie „soll . . . haben“ oder „soll . . . sein“. Sie erlauben es dem Redakteur, die Unsicherheit über die Fakten wiederzugeben und eine Meldung später richtigzustellen, falls sich das Ursprüngliche als Irrtum herausstellt.

Beispiele:

Angriff auf Militärkrankenhaus offenbar mithilfe von Klinik-Mitarbeitern (SpOn)

Deutscher Dschihadist soll Terrorgruppe mit Anschlag beauftragt haben. (SpOn)

US-Bundesanwalt wurde offenbar „gefeuert“ (SpOn)

Vermutlich Gruppenvergewaltigung auf Facebook live gestreamt (SpOn)

Gute Zeilen durch Fragen
Der Sprachästhet kann von dieser Praxis nicht begeistert sein. Schlagzeilen sollen kurz und knackig, einprägsam und nach Möglichkeit rhythmisch sein. Jedes vermutlich beschädigt diesen Anspruch, macht Zeilen lang, umständlich und sperrig. Das Kuriose: Es gäbe eine einfache Möglichkeit, den Sachverhalt in Frage zu stellen. Die Antwort liegt bereits in meiner letzten Formulierung: Durch eine Frage! Die Idee: Wenn etwas unsicher ist, ist es fraglich. Nutzen wir doch dies rhetorische Mittel.

Machen wir die Probe:

Angriff auf Militärkrankenhaus mithilfe von Klinik-Mitarbeitern?

Hat deutscher Dschihadist Terrorgruppe mit Anschlag beauftragt?

Wurde US-Bundesanwalt „gefeuert“?

Gruppenvergewaltigung auf Facebook live gestreamt?

Problem erkannt, Problem gebannt. Boshaft zugespitzt könnte man resümieren, dass die Qualitätspresse in Meinungsfragen gern wortgewaltig auftritt, aber das Handwerk beim Zeilenmachen lässt man schleifen. Satzzeichen und ihre Bedeutung? Nie gehört. Tsss! 😉 Ich habe eine Anfrage an die Spiegel-Online-Redaktion geschickt, warum man auf die Frage als Stilmittel verzichtet. Sie blieb bis zur Stunde unbeantwortet. Sobald ich Antwort erhalte, werde ich sie nachtragen.

Schließlich müsste man final drübergehen, denn jede Zeile hat noch Luft. Rund wäre es so:

Klinik-Mitarbeiter an Angriff auf Militärkrankenhaus beteiligt?

Hat deutscher Dschihadist Terrorgruppe beauftragt?

US-Bundesanwalt „gefeuert“?

Gruppenvergewaltigung live auf Facebook?

Wofür man Fragen noch einsetzen kann, habe ich in einem der ersten Blogbeiträge erläutert.

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