Wortspiele, verfremdete Buch- oder Filmtitel, Ein-Wort-Überschriften – das sind derzeit die gängigen Headline-Formate. Ein paar Juni-Leckerlis.

(27.6.2012) Ich liebe gute Headlines. Mein Favorit des Monats:

Die rohe Botschaft

In der Süddeutschen Zeitung (SZ) vom 8.6.2012 wurde unter dieser Überschrift über ein Konzert der Hiphopper Jay-Z und Kanye West in Frankfurt berichtet, das wie ein Gottesdienst wirkte (s. Ausschitt oben). Zwar war die Zeile nur zusammen mit der Dachzeile/dem Intro verständlich, aber das ist im Zeitalter des Storytelling Standard und Konzept geworden. Dafür aber transportiert die „rohe Botschaft“ vorzüglich die religiöse Konnotation unter Anspielung auf die Bibel und ihre „frohe Botschaft“. Man hätte – bei gleicher Metaphorik – nachrichtlicher titeln können („Triumph der Hip-Hop-Götter“ etc.) oder das Kind direkter beim Namen nennen („Jay-Z und Kanye West: Konzert oder Gottesdienst?“ o.ä.), aber das verliert gegen die inspirierte, wortspielende Botschaft m.E. deutlich. Well done!

Was eine Headline gut und wertvoll macht . . .

Das fand auch die Gruppe der Sommerakademie, eines Seminars über Konzept, System und visuelle Gestaltung, mit der ich letzten Donnerstag im Kloster auf der Fraueninsel im Chiemsee über Headlines und Intros diskutierte. Sie würdigte in der Analyse dieser Zeile, dass die Dachzeile neben dem „Konzert“ den Begriff „Gottesdienst“ bringt und so einen eindeutigen Zusammenhang herstellt; dazu, dass die Headline in einem oftmals als muffig empfundenen feuilletonistischen Umfeld belebend wirkt und zum Lesen reizt. Ich meine auch: Was für eine wohltuende Abwechslung im Vergleich zu nichtssagenden, austauschbaren Headlines à la „Jetzt gilt es“ (aktueller Kommentar über die Eurokrise; Kommentarseite der SZ) oder, schlimmer noch, „0:2“ (über das Ende der Solarförderung, ebenfalls SZ-Kommentar).

. . . und was daraus für das Zeilenmachen folgt

Mein Credo (und meine Erfahrung): Die Headline entscheidet über Wohl und Wehe eines Artikels (oder einer Seite im Netz) – über Lesen oder Blättern, über Klicken oder Springen. Was nützt der beste Artikel, wenn der Leser wegen einer schwachen Zeile darüber hingeblättert? Auf eine gute Headline sollte man so gesehen genauso viel Zeit und Sorgfalt verwenden wie für den Lauftext.

Beim Schreibtischaufräumen fand ich neulich ein paar undatierte Favoriten, ebenfalls aus der SZ, Abteilung Wortspiel:

Tier gewinnt – Geschichte über Kinder und ihre Liebe zu Haustieren

In der Truhe liegt die Kraft – Slogan für SZ-Geschenkereihe

Zugegeben: Wir nähern uns mit Mach 9 der Grenze zum Kalauer – trotzdem muss man erstmal draufkommen.

Sie können nicht genug von guten Headlines bekommen? Hier stehen die besten des Jahres 2011.

2 Responses to Die besten Wortspiel-Headlines im Juni
  1. […] an Birgitt Kollmann für den Hinweis auf die Welthungerhilfe. Die Juni-Favoriten hier. Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Trends abgelegt und mit 2012, Ein-Wort-Überschrift, […]


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