(30.10.2011) Die Sportberichterstattung gibt oft interessante Hinweise auf Veränderungen im Sprachgebrauch – so wie gestern das Aktuelle Sportstudio, als es bei den Bundesligaspielen darum ging, wen und was Mannschaften verteidigen.

Erst einen Angreifer verteidigen . . .

Hannovers Abwehr habe Marco Reus nicht verteidigen können, kommentierte Reporterin Sabine Töpperwien den 2:1-Sieg Mönchengladbachs über die 96er. Das soll sie doch auch gar nicht, denn Reus ist ein Gladbacher Stürmer. Einen Angreifer zu verteidigen – das ist unlogisch, und würde zu Ende gedacht den Sinn des Spiels auf den Kopf stellen. Man verteidigt das eigene Tor, oder den Strafraum, also etwas Eigenes, das bedroht wird, aber nicht den Gegner. In dem Fall verteidigt man sich gegen den Stürmer. Aber nicht den Stürmer. Der wird gestoppt, sein Angriff abgewehrt.

. . . dann eine Freistoßvariante:

Auch Dortmunds Trainer Jürgen Klopp verwendete das Verb gestern anders als üblich. Auf die Freistoßvariante der Stuttgarter angesprochen, die zum 1:1 führte, sagte er: „Mir ist es lieber, so eine Situation schlecht zu verteidigen als davon überrascht zu werden.“ Nur dass seine Mannschaft nicht die Situation verteidigt, sondern sich in einer Situation. Ähnliches Prinzip: Etwas wird verteidigt, was im Wortsinn nicht verteidigt werden kann.

Damit liegt man sprachlich vorne

Die Beispiele zeigen, wie sich der Gebrauch des Verbs verteidigen verändert. Der Grund könnte sprachökonomisch sein: Ohne Reflexivpronomen sich und mit direktem Objekt ist die Aussage schlicht kürzer. Tatsächlich kann man bestimmte Dinge ohne sich verteidigen: Den guten Ruf oder die Meisterschaft z.B. Doch je konkreter die Verteidigung wird, desto stärker verlangt die Handlung nach dem Reflexivpronomen sich – bis jetzt jedenfalls.

Klassisch äußerte sich demnach Wolfsburgs Trainer Felix Magath. Er sagte über seine Mannschaft bei der Heimniederlage gegen Hertha BSC, man habe vergessen, das eigene Tor zu verteidigen. Damit verkürzte er auf 1:2 gegen verteidigen im neuen Kontext.

Wenn der Trend anhält, dürfte es allerdings so kommen wie bei einem anderen Verb: Erinnern Sie sich noch – oder erinnern Sie schon?

One Response to Vorne verteidigen
  1. […] Sport: Wie sich die Verwendung des Verbs verteidigen verändert hat. Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Stil, Trends abgelegt und mit 2012, […]


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