Belastend: Der Stresstest

Was genau ist ein Stresstest? Wurde hier wortgetreu aus dem Englischen übersetzt? Handelt es sich im Deutschen nicht vielmehr um einen Belastungs- oder Leistungstest? Spurensuche in den Medien. (Update 9.7.)

Die Nachrichten aus Japan beinhalten ein seltsames Wort: Da werden Atomkraftwerke einem Stresstest unterzogen. Ich frage mich: Wie sieht es aus, wenn man ein Kraftwerk stresst? Oder eine Bank oder einen Bahnhof? Eine merkwürdige Vorstellung, denn stressen bezieht sich auf eine psychische, keine physische Belastung.

Vielleicht ist mit dem Wort Stresstest etwas nicht in Ordnung? Ist es ein false friend, also ein Begriff, der im englischen Original so ähnlich klingt? Der Blick ins deutsch-englische Wörterbuch ergibt: to stress heißt etwas belasten. Aha! Das würde den Stresstest zu einem Belastungstest machen. Und schon . . . sehe ich klarer.

Dennoch hat sich die Fehlübersetzung so verfestigt, dass es einen Wikipedia-Eintrag dazu gibt. Er klärt uns darüber auf, dass die Wirtschaftswissenschaften bereits kapituliert haben – das Wort ist selbstverständlicher Teil des Fachs geworden. In der Informatik hat man sich auf einen Lasttest verständigen können. Fürs Texten lässt sich aus dem Siegeszug des Stresstests der Schluss ziehen, dass es stärker darauf ankommt, ob ein Wort gut klingt als auf seine inhaltliche Richtigkeit. Prognose: In der Nachrichtenwelt wird es bei der Urform bleiben. Zwei ähnlich klingende Silben – das geht zu gut über die Lippen.

Neuere Tendenzen: Vernunft keimt auf

Update (27.5.): Zeichen und Wunder – in den Nachmittagsnachrichten im Deutschlandradio ist in einer Meldung über die Abschaltung deutscher Atommeiler von Belastungstests die Rede.

Update (28.6.): In der Tagesschau wird im Zusammenhang mit Stuttgart 21 über die Ergebnisse eines Leistungstests berichtet.

Update (9.7.): Susanne Daubner spricht in der gestrigen Tagesschau nur noch vom sogenannten Stresstest, über ihrer Schulter ist das Wort in Anführungszeichen zu lesen: „Stresstest“. Offenbar dämmert der Redaktion, was für einen Tinneff sie seit geraumer Zeit fabriziert – nur dass man Ende Juni schon mal weiter war.

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