Auf der Seite 3, der großen Reportage, der Süddeutschen Zeitung sind am 23.12.2010 die Probleme der Bahn in einem strengen Winter Thema. Schnell findet sich einer dieser typischen Sätze: „Die Verspätungen der Bahn bedeuten für viele Menschen eine Kränkung.“ Fröhlich macht sich Luft im Satz breit. Für wen auch sonst? Für Hamster, Katzen oder Hunde? Wie wär’s mit rauslassen? Sind viele keine Menschen? Wie wärs mit mehr Sachlichkeit und Genauigkeit: Sind die Menschen nicht vielmehr Kunden? Oder Fahrgäste?
Nur wenige Zeilen weiter sind wir auf dem Flughafen angekommen: Da ist von den Sicherheitskontrollen die Rede, durch die neben dem Autor „auch andere Menschen auf Socken laufen.“ Wer auch sonst: Rinder, Schweine, Schlangen? Wenn man die Menschen schon nicht weglassen kann, weil’s so schön menschelt – wie wär’s mit einem treffenderen Substantiv, Reisende etwa, oder Passagiere?
So geht das in einem fort, landauf landab haben die Menschen in den Medien Einzug gehalten. Es gehen keine Zuschauer mehr ins Stadion, sondern . . . Menschen. Auf der Straße stehen keine Demonstranten mehr gegen den tunesischen Präsidenten auf, sondern . . . Menschen. Bei Verkehrsunfällen fehlen Tote und Verletze, denn die Opfer sind . . . Menschen. Und Claus Kleber spricht im Heute-Journal zu Jahresbeginn nicht von Solaranlagenbesitzern, sondern von Menschen, die eine Solaranlage haben.
Warum macht man das? Welchen Nutzen ziehen Medienmacher aus der permanenten Vermenschlichung? Erhöht es unsere Würde? Macht es uns zivilisierter? Rücken wir enger zusammen? Nachlässigkeit? Gewohnheit? Mode? Der Beginn eines neuen Zeitalters? Oder nur ein kurzfristiges Phänomen? Wie auch immer: Aus nachrichtlicher Sicht empfehlen wir das treffende Substantiv statt des Gemeinplatzes. Denn, äh, sind wir nicht alle Menschen? Will sagen: Einem so allgemeinen Wort fehlt im Zusammenhang die Unterscheidungsfähigkeit. Andere Worte können das besser.

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