Sterben die Griechen aus?

In den Nachrichtenspalten und -sendungen wird ein anderer Ton angeschlagen, wenn über politische Veränderungen berichtet wird. Die Menschen in Ägypten hätten viel erreicht, hieß es vor einiger Zeit in einer Nachrichtensendung; dann fuhr die Moderatorin fort, die Demokratisierung dort nachzuzeichnen. Menschen in Ägypten – waren das nicht mal Ägypter?

Mir fiel diese Wendung in den TV-Nachrichten zuletzt öfter auf: Menschen in Haiti, Menschen in Syrien und jetzt, im Zuge der Euro-Krise, die Menschen in Griechenland – was wurde aus den Haitianern, was aus den Syrern, und wo blieben die Griechen? Wie vom Erdboden verschluckt. Bedauerlich: Als jemand, der in der Nachricht Präzision und Kürze schätzt, ist mir die neue Umschreibung deutlich zu aufgebläht.

Gegenanzeigen: Als die Finnen Anfang Februar einen neuen Präsidenten wählten, durften sie in der Tagesschau Finnen bleiben. Auch die Franzosen, Engländer und Amerikaner haben sich behauptet.

Erste Hypothese: Ist immer dann, wenn nach Unglücken, Umwälzungen und anderem Unbill Mitgefühl angezeigt ist, die Wendung mit den Menschen opportun, während die vermeintlich Unversehrten, Gestärkten oder Verschonten weiter nach dem Ländernamen bezeichnet werden dürfen?

Die Menschen grassieren als sprachliches Phänomen schon länger, wir bleiben am Ball.

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Headline dringend gesucht!

SZ-Schlagzeile (Ausschnitt): Anspielungsreich schlägt einzigartig

Nachläufer von letzter Woche: Mittwochs im Panorama der Süddeutschen die Zeile „Auch schön“. Die Geschichte handelt von Valérie Trierweiler, der Frau des neuen französischen Präsidenten François Hollande. Ich bin irritiert. Klar, im Zeitalter des Storytelling versucht auch die SZ was Neues. Neugierig machen, Heiterkeit, ironische Distanz – all das spielt neben dem Nachrichtlichen innerhalb dieses Ansatzes eine Rolle. Aber das macht „Auch schön“ noch längst nicht zu einer Schlagzeile. Ich wünsche mir eine richtige.

Eine Headline soll möglichst unverwechselbar sein, den Inhalt des Folgenden auf den Punkt bringen, klar und verständlich sein und zum Lesen einladen. (Die fünf Gebote für Headlines im Detail.) „Auch schön“ verstößt vor allem gegen die ersten beiden Punkte. Am schlimmsten ist die Austauschbarkeit: Es könnte über jeder leidlich positiven Nachricht oder jedem einigermaßen hübschen Anblick stehen.

Warum hat es dieses Beispiel trotzdem in die Ausgabe geschafft? Wahrscheinlich, weil es anspielungsreich ist. Im Intro heißt es:

Valérie Trierweller ist die erste unverheiratete Première Dame im Élysée.

Drei Interpretationen bieten sich für „Auch schön“ nun an:

  1. Skandalös: Nein sowas, kein Trauschein!
  2. Selbstbezüglich: Diese Meldung ist auch gut!
  3. Süffisant: Nach Carla Bruni ist auch die Neue ansehnlich!

In der Geschichte wird Mme. Trierweiler dann porträtiert und ihre Art mit früheren Präsidentengattinnen verglichen. In die Richtung hätte man titeln sollen: Palastrevolution o.ä. Hier noch ein paar Beispiele für gelungene Zeilen.

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Kennen Sie queer?

Queer, nicht Queen (SZ-Ausschnitt): Gossip-Sängerin Ditto (Mi.)

Heute im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung: Eine Besprechung des neuen Gossip-Albums. Nach der Lektüre stelle ich fest: Es ist die Zeit der Fragen. Was heißt queer? Der Autor verwendet es in dem etwa 120-Zeilen-langen Artikel gleich dreimal, zweimal als Adjektiv, einmal als Substantiv. Einmal heißt es queere Community, später feministisch-queeres Trio und zum Schluss selbstbewusste Queere. Wirklich – s. Abb.

Ganz schön verquer. Was sagt LeoSchwul. Warum kann man das nicht schreiben? Passt doch jedesmal prima, beim letzten Mal hätte man vielleicht Lesbe sagen sollen, sofern Sängerin Beth Ditto gemeint ist, oder Homosexuelle, wenn es allgemein gemeint sein sollte. Folgt man dem Wiki-Eintrag zu queer, umfasst das Wort noch mehr, nämlich das Abseitige, Abweichende, Andere; doch da der Autor Ditto und Band im Zusammenhang mit „Homorechten“, „Homoehe“ und „Ledersex-Schwulheit“ erwähnt, kommt man, finde ich, mit der Zuspitzung gut hin.

Zwei weitere überflüssige Anglizismen . . .

Neben queer finden wir in der Besprechung auch noch die englischen Begriffe misfit und campy. Außenseiter und tuntig hätten die Sachverhalte auch mit deutschen Worten angemessen beschrieben. Im ersten Fall macht der Autor es nur, weil er Missbrauchsopfer folgen lässt – der Stabreim heiligt die Mittel. Regelmäßige Leser dieses Blogs wissen, dass ich Lehnwörter aus dem Englischen für sinnvoll halte – wenn sie, wie googeln, einen Sachverhalt beschreiben, für den es kein geläufiges deutsches Wort gibt. Das ist ist hier in keinem Fall der Fall.

 . . . legen Zweck und Ursache nahe

Hypothese: Jüngere Schreiber drängen nach und versuchen, Szenesprache ins Feuilleton zu bringen, statt wie altgediente Kollegen mit Fremdworten aus dem Lateinischen oder Griechischen zu hubern. Hubern müssen beide. Eine gute Geschichte lebt gleichberechtigt von klaren Gedanken in verständlicher Sprache; angeberische Rhetorik, die den Leser zum Wörterbuch treibt, ist kundenfeindlich und desinformativ – also das Gegenteil dessen, was ein Artikel leisten soll.

Mehr Beispiele für Verschwurbelung statt Verständlichkeit im Feuilleton.

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Kai bei Signs

Eleganz, Ehrlichkeit, Echtheit – das waren, in drei Worten zusammengefasst, die Forderungen von Dr. Christian Blümelhuber an Werbung und Marketing auf den gestrigen SignsAwards12 in den Münchner Kammerspielen. Bei den SignsAwards werden Kampagnen und Konzepte ausgezeichnet, die im Lauf des letzten Jahres Zeichen in der Kommunikation setzten.

Der zweite Redner des Abends, Dr. Wolfram Weimer, rief zum Mut zur Position, zur Meinung und zur Wahrheit auf. Ich fühlte mich in meinem textlichen Bestreben gerade in den drei E’s gestärkt. Oder anders gesagt: Für sie gibt es diesen Blog.

Was gab es noch? MAN wurde in der Sparte Credibility ausgezeichnet. Auch damit fühlte ich mich angesprochen, weil ich mit Inmotion, einem der MAN-Kundenmagazine, das ich redaktionell verantworte, versuche, so wahr, echt und glaubwürdig wie möglich zu sein (im Rahmen der Ziele und des Konzepts, versteht sich).

Und noch? Begleitend zur Preisverleihung erscheint ein Buch mit dem Titel SignsBook, das ab Juni im Handel zu haben sein wird. Darin findet sich auch mein Beitrag mit dem Titel: „Kommunikationszukunft als optimierte Datenverarbeitung“. Worum geht`s? Google, Facebook und Co. sammeln Daten über ihre User für individualisierte Werbung. Ich gehe der Frage nach, was daraus für die Zukunft der Kommunikation folgt. Sie sagen, bei dem Thema brennen Sie? Bestellen Sie hier.

Ein wunderbarer Abend, der noch nachklingt. Danke an Stefan Endrös und Journal International für die Einladung.

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Ja, wo laufen sie denn?

Plakatierung für Laufveranstaltung (in München): Triumph der Unklarheit

Na, haben Sie ihn gleich erkannt? Bei mir war’s so: Das Gesicht kam mir bekannt vor, aber der Name . . . naja, auch an Dieter Baumann ist die Zeit nicht spurlos vorüber gegangen. Derzeit grüßt er im Münchner Stadtgebiet lächelnd laufend von einem Plakat für den KKH-Allianz-Lauf. Die Brille ist anders, der Haaransatz höher. Schlank ist er immer noch. Die Frau daneben lenkt ab. Wer ist das? Baumanns? Und das Kind? Staffage? Man schweigt sich aus.

Es ist wieder Laufsaison, bei den großen Marathons starten Zehntausende. Laufen fördert die Gesundheit, damit schmückt man sich als Krankenversicherer gern. Und es senkt auch noch die Behandlungsausgaben.

Eine unklar getextete Eventkampagne . . .

Doch dies Plakat ist nur zum Teil eine Imagekampagne, es hat ein anderes Konzept: Es will zu einem bestimmten Event einladen, mit einem bekannten Gesicht als Zugpferd. Nur dass man auf den Namen verzichtet, sondern leichtsinnig auf das Gedächtnis des flüchtigen Betrachters setzt. Wenn sein Name so wenig zur Sache tut, warum ist Baumann dann auf dem Plakat zu sehen? Bono in Afrika war ein ähnlicher Fall – ich würde mich nie drauf verlassen, dass die Zielgruppe schon weiß, um wen es sich handelt, auch wenn die Höhe der Gage diese Erwartung stillschweigend in sich birgt. Baumann und Bono waren bestimmt nicht billig – den Namen zu erwähnen, heißt auch die Investition des Kunden abzusichern.

. . .  schöpft ihr Potential nicht aus

Frau und Kind neben Baumann suggerieren einen Familienevent. Ob’s auch so ist, erfahren wir nicht – wäre aber leicht zu kommunizieren gewesen („Familienlauf“). Um welche Art von Lauf es sich handelt, bleibt unklar: Die Länge, eine Standardinformation, fehlt. Und schließlich: Ist Baumann auch am Start? Wir wissen es nicht. Wahrscheinlich Teil des Konzepts: Wir sollen neugierig werden und im Netz nachschauen, weswegen man nach einer Handlungsaufforderung („anmelden und mitlaufen“) fettgedruckt mit dem Link abschließt.

Für mich sind das zu viele offene Fragen. Es wäre besser gewesen, sie zu beantworten, und die Plakataktion ausschließlich als driver to web für die Anmeldung zu nutzen, um das aktivierende Potential eines Plakates auszuschöpfen.

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