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10Mrz 2012

Fallbeispiel Lux (Titelbild): Pragmatismus vs. Regeltreue

(10.3.2012, Nachtrag 25.3.2017) Citys oder Cities? Wenn man englische Lehnwörter im Deutschen schreibt, stellt sich die Frage, nach welchen grammatischen Regeln – den original englischen oder den deutschen?

Allgemein entscheidet der Grad der sogenannten Assimilation, also Anpassung – wie lange und wie häufig ist ein Lehnwort schon in Gebrauch? Je häufiger und je länger Lehnworte in der neuen Sprache benutzt werden, desto eher werden sie deren Grammatik unterworfen, in diesem Fall der deutschen. Seltene oder neue Worte werden dagegen noch als das behandelt, was sie sind – ein Fremdwort. Doch auch diese Regel ist aus Gummi – wo die Grenze verläuft, lässt sich absolut nicht festlegen.

Wie brisant derlei Fragen in der Praxis sein können, zeigt das Beispiel der Lux, der Beilage der Süddeutschen Zeitung für „intelligente Energie“. Der langjährige Korrektor des Blattes beendete die Zusammenarbeit, weil eine Schreibung auf den Titel gehoben wurde, die er für falsch hielt.

Der Plural auf -s ist im Deutschen neu und selten

Die Titelgeschichte der letzten Ausgabe behandelt nämlich Megacities (s. Abb.). Das Wort City ist im Deutschen schon lange geläufig, der Plural auf -s ist relativ neu. Er betrifft vorwiegend Hauptworte, die mit einem Vokal enden, und es wird einfach nur ein s angehängt  – denken Sie an Partys, Babys, Storys, Handys, Lobbys oder Hobbys – alle mit angehängtem s. Handys sind besonders instruktiv, weil das Wort zwar englisch klingt, aber deutsch ist. Die Regel gilt auch für Citys, wie der Duden bestätigt.

Die Megacity hat schon einen eigenen Dudeneintrag, aber sie wird noch nicht dekliniert – ein Indikator dafür, dass der Eintrag noch recht frisch ist. Hier wird also nicht assimiliert, also Regeln des Deutschen unterworfen, sondern noch die englische Schreibung übernommen.

Dudenregel vs. Pragmatismus

Was sprach aus Sicht der Redaktion für Megacities? Chefredakteur Herbert Lechner entschied die Frage pragmatisch: „Megacities ist in der Presse die weitaus gebräuchlichere Variante, auch wenn der Duden nur die ys-Schreibweise zulässt.“

Und tatsächlich: Megacities bringt es bei Google auf 472.000 Treffer (Seiten auf Deutsch), Megacitys dagen nur auf 54.000 (Stand: Februar 2012). Ausgewählte Gegenproben: Die Cities schlagen Citys, die Stories schlagen die Storys, nur die Babies unterliegen deutlich den Babys.

Topstorys-deutsche-Grammatik

Vernunft vs. Impuls? Hier siegte ersteres.

Nachtrag (25.3.2017): Mit einem Kunden habe ich gerade die Erweiterung der Startseite abgeschlossen. Er wünschte sich eine Rubrik Topstorys – s. Bildschirmfoto. Der technische Teil war bereits im CMS implementiert, als die Frage nach der Schreibung aufkam; Topstories sei geläufiger, lautete das erste Argument – wie auch bei Hr. Lechner. Da es unfein gewesen wäre, auf mein eigenes Blog hinzuweisen, zog ich den Kollegen Sick und seinen Zwiebelfisch zurate. Er bestätigt vollumfänglich meine Ausführungen. Zu meiner Freude ließ sich auch der Kunde davon überzeugen – wir einigten uns auf Topstorys.

Ein weiterer schwieriger Plural ist der bei Abkürzungen.

23Mrz 2017

Von violetten Duftnoten und dem Denken beim Schreiben und Lektorieren.

Perfektes Leben mit violettem Duft: Wie geht das? (© Hanser Verlag)

(23.3.2017, Nachtrag 26.3.2017) Lesen bildet, heißt es. Dem würde ich nicht widersprechen. Doch zuviel Lesen bekommt auch nicht immer, denn offenbar schläfert es ein und fördert die geistige Trägheit. Klingt hart, weiß ich, aber hier kommt der Fall, bitte anhören.

Ich lese gerade eine Neuerscheinung aus dem Verlag Nagel & Kimche, einer Hanser-Tochter, Titel „Das perfekte Leben des William Sidis“, eine fiktionalisierte Biografie des gleichnamigen Mathematikers, aber das tut nichts zur Sache. Spannender ist die Tatsache, dass das Buch auf Dänisch geschrieben wurde. (Ich dachte zuerst, auf Englisch, da Sidis Amerikaner ist, und der Autor mir nicht bekannt war.)

Ziemlich am Anfang wird die damalige Zeit beschrieben, die Weltkriegsvierziger in Boston. Es ist die Rede von einem Parfum. Wie wird nun der Duft des Parfums beschrieben?

William verabscheut den Geruch von Persian Lamb, seine schwere violette Note.

Ein violetter Duft. Als ich das las, fragte ich mich unwillkürlich: Wie riecht violett? Dann erinnerte ich mich an mein englisches Spezialvokabular (und ich bin kein professioneller Übersetzer): Violet ist nicht nur eine Farbe, sondern ein Veilchen. Nun wurde, wie gesagt, der Roman nicht auf Englisch, sondern Dänisch geschrieben. Ich schlug bei Langenscheidt nach: Das Veilchen heißt viol. Es muss doch wohl heißen:

William verabscheut den Geruch von Persian Lamb, seine schwere Veilchen-Note.

Wie ist das möglich? Schlafen denn alle? Lassen sie sich einlullen? Werden sie vor Verliebtheit in Sprache blauäugig? Man möchte es meinen, denn der denkende Geist rebelliert sofort. Soll diese Formulierung ein Ausdruck besonderer Poesie sein? Für mich ist es nicht mehr als ein schiefes Bild.

Die Gutgläubigkeit der Organisation, . . .
Den Übersetzer will ich nicht angreifen. Man stelle sich einen Stapel eng bedruckter DIN A4-Blätter vor, die Zeile für Zeile, Seite um Seite, ins Deutsche übertragen werden müssen. Stunden, Tage monotoner, ermüdender Tätigkeit, jeder Anruf, jedes Ping einer Mail lenkt ab und bringt raus. Sich da nicht von der Ausgangssprache vereinnahmen zu lassen, ist eine Leistung für sich. Nein, dass dieser Lapsus auf Papier verewigt wurde, sagt mehr über die Organisation aus und wie sich deren Angehörige sehen. Neben der Übersetzung gibt es ein Lektorat, dann eine Hauskorrektur – drei Instanzen haben insgesamt drübergelesen. Vielleicht wurde die Assoziation auch durch das zweite Adjektiv getragen, die schwere Note, die ja auch gleich etwas Dunkles hat. Violett -> wie blau -> dicht, schwer ->melancholisch -> resigniert -> hoffnungslos. So oder ähnlich könnten die Gedanken gehen. Und ergibt die Übersetzung dann nicht wieder Sinn?

 . . . die Trägheit des Geistes
Dennoch: Dies ist ein Buch, Bücher haben eine lange Halbwertszeit. Das erhöht die Verantwortung. Die Macher im Buchbetrieb sind in der Regel Akademiker. Ironischerweise Angehörige einer Altersklasse, denen in der Schule kritisches Denken beigebracht wurde. Gern kreative Schöngeister. Aber satt und zufrieden. Keine Skepsis, kein Misstrauen, keine Wachsamkeit. Man vertraut einander.  Jemand wird es schon merken, wenn was ist. Winken durch, was ihnen vorgesetzt wird. Eine violette Note . . . ist das nicht auch irgendwie kreativ? Und schon ist es gedruckt.

Ich sage regelmäßig (auch mir selbst): Vor und beim Schreiben denken. Das bedeutet: Über den Sinn des Geschriebenen nachzudenken. Ergibt es keinen, müssen die Alarmglocken angehen. Im Zweifel habe ich einen Fehler gemacht.

Die gute Nachricht: Literaturübersetzungen können auch Spaß machen.

(Nachtrag, 26.3.2017) Nicht auszuschließen, dass im Original violet stand. Dann aber lautet die Schlussfolgerung, dass der Autor ein schiefes Bild produziert hat. Als Übersetzer hätte ich dann die Wahl zwischen der Entscheidung, den Fehler im Deutschen zu erhalten oder ihn durch einen sanften Eingriff auszumerzen.

19Mrz 2017

Jetzt ist der Bindestrich dran. Wer ihn weglässt, kreiert ein Deppenleerzeichen, meint die „Zeit“ online. Schön, dass auch andere den Wert des Bindestrichs erkennen. Nicht ganz so schön dagegen die Inszenierung.

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„Ich bin hier nur der Depp? Oder Rechtschreibnazi?“ Iwo! Der Bindestrich macht’s klar und verständlich. (Bildschirmfoto)

Kurze Wochenrückschau: Die „Zeit“ greift das Thema Bindestrich online auf. Das ist gut, auch wenn die Schlagzeile „Bindestrich? Voll AfD-mäßig“ unnötig provoziert. Aber anscheinend kann man keine sachliche Debatte führen, sondern muss emotionalisieren, damit die Leute klicken und kommentieren. Weiter noch: Die Zeile trägt das typische Muster der politischen Debatte: Hier die Guten mit den Argumenten (= die Demokraten), dort die anderen. Nur dass die anscheinend doch Gründe haben – wie der Artikel zeigt.

Dazu trägt zweitens im Text die Selbstbeschreibung des Autors als „Rechtschreibnazi“ bei. Auch das typisch und unnötig: Wahrscheinlich (hoffentlich!) ironisch gemeint, aber auch eine radikale Aufladung.

Drittens finde ich es fragwürdig, von einem Deppenleerzeichen zu sprechen. Das Apostroph trug diesen Titel zurecht, weil sich dahinter tatsächlich Unkenntnis verbarg; bei der Leerstelle scheinen mir Mode und Konformitätszwang die stärkeren Triebkräfte zu sein. Das würde auch die rasche Ausbreitung erklären, zu der es beim Apostroph nie kam, geschweige denn angestrebt wurde. Bei der Leerstelle bin ich mir da nicht so sicher.

Der Bindestrich: Klar und eindeutig
Der Beitrag ist trotzdem lesenswert, weil schön Beispiele drin sind und er nicht zu lang ist. Die Beispiele zeigen, dass es nicht auf formale Fragen wie einheitliche Schreibung oder Rechtschreibung ankommt, sondern funktionale Argumente wie das Leseverständnis und inhaltliche Eindeutigkeit für eine Verwendung von Bindestrichen sprechen. So wird die Leer- zur Lehrstelle (man verzeihe mir den naheliegenden, doch passenden Kalauer.)

Hier meine Top 3, die schön zeigen, wie sich die Bedeutung mit oder ohne Bindestrich ändert:

  1. „Wir ändern Frauen, Herren Kinder Bekleidung“ vs. „Wir ändern Frauen-, Herren-, Kinder-Bekleidung.“
  2. Williams Schwestern sind andere Personen als Williams-Schwestern.
  3. „Ihr Rundfunk Beitrag für gutes Programm“ (Werbeaufkleber des SWR) Kompliment für eigenständig funkende Bürger? Ohne Bindestrich schon. „Ihr Rundfunk-Beitrag für gutes Programm“ macht es eindeutig. Der Rundfunkbeitrag natürlich auch.

Die stärkste Doppeldeutigkeit bzw. Bedeutungsänderung finden Sie in dem Satz: RAF-Terroristen nennen Buback Mörder.

Die Ursache
Schlüssig kommt der Autor dann zu den zutreffenden Ursachen dieser Entwicklung:

Die Ausbreitung des Deppenleerzeichens . . . zeigt die Verführungskraft von irrationalen Moden, die Abschüssigkeit von Irrwegen, die immer leichter zu betrampeln werden, je mehr Leute denselben Denkfehler machen. Oder das Nachdenken einfach sein lassen.

Ganz schön resigniert, aber wahrscheinlich richtig. Die CI-Regeln der großen Unternehmen, die ihre Markennamen nicht mit Bindestrichen verunzieren möchten und auf organisationsweite Einheitlichkeit abzielen, fördern den Effekt kräftig. (Bsp. im Artikel: Der DHL Paketbote, oder hier im Blog.)
Erstaunlich ist die hohe Zahl von Kommentaren, über 400 in ziemlich genau 12 Stunden nach Veröffentlichung. Das zeigt, das auch solche Fragen noch die Öffentlichkeit bewegen.

Ich selbst habe schon sieben Einträge zum Bindestrich geschrieben. Hier geht’s zur vorigen Folge, von da aus können Sie sich bis zum Beginn durchklicken.

16Mrz 2017

In eng getakteten Online-Redaktionen muss oft eine unklare Nachrichtenlage überbrückt werden. Das hat Konsequenzen fürs Zeilenmachen. Doch statt sperriger Füller wie „offenbar“ oder „vermutlich“ gibt es eine elegante Lösung: Die Frage. Vier aktuelle Beispiele.

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Wenn der Sachverhalt fraglich ist . . . bietet sich das Fragezeichen an (Bildschirmfoto)

Das Nachrichtengeschäft  ist online enorm schnell geworden. Häufig lässt sich das Ergebnis der Ereignisse nicht abwarten, vorab muss über den Stand der Geschehnisse berichtet werden. Das Publikum will jederzeit den aktuellen Stand kennen, die Angst der Redaktionen, unzufriedene User könnten zur schnelleren Konkurrenz abwandern und dort hängenbleiben, verstärkt den Hang zur Hektik.

Die Gleichzeitigkeit zwischen Ereignis und Berichterstattung ist faktisch da. Folge: In den Schlagzeilen müssen vorübergehend Vermutungen, Gerüchte oder Spekulationen wiedergegeben werden. Sprachlich bedeutet das: Wir finden in solchen Fällen Wörter wie „vermutlich“, „offenbar“ oder Hilfsverbkonstruktionen wie „soll . . . haben“ oder „soll . . . sein“. Sie erlauben es dem Redakteur, die Unsicherheit über die Fakten wiederzugeben und eine Meldung später richtigzustellen, falls sich das Ursprüngliche als Irrtum herausstellt.

Beispiele:

Angriff auf Militärkrankenhaus offenbar mithilfe von Klinik-Mitarbeitern (SpOn)

Deutscher Dschihadist soll Terrorgruppe mit Anschlag beauftragt haben. (SpOn)

US-Bundesanwalt wurde offenbar „gefeuert“ (SpOn)

Vermutlich Gruppenvergewaltigung auf Facebook live gestreamt (SpOn)

Gute Zeilen durch Fragen
Der Sprachästhet kann von dieser Praxis nicht begeistert sein. Schlagzeilen sollen kurz und knackig, einprägsam und nach Möglichkeit rhythmisch sein. Jedes vermutlich beschädigt diesen Anspruch, macht Zeilen lang, umständlich und sperrig. Das Kuriose: Es gäbe eine einfache Möglichkeit, den Sachverhalt in Frage zu stellen. Die Antwort liegt bereits in meiner letzten Formulierung: Durch eine Frage! Die Idee: Wenn etwas unsicher ist, ist es fraglich. Nutzen wir doch dies rhetorische Mittel.

Machen wir die Probe:

Angriff auf Militärkrankenhaus mithilfe von Klinik-Mitarbeitern?

Hat deutscher Dschihadist Terrorgruppe mit Anschlag beauftragt?

Wurde US-Bundesanwalt „gefeuert“?

Gruppenvergewaltigung auf Facebook live gestreamt?

Problem erkannt, Problem gebannt. Boshaft zugespitzt könnte man resümieren, dass die Qualitätspresse in Meinungsfragen gern wortgewaltig auftritt, aber das Handwerk beim Zeilenmachen lässt man schleifen. Satzzeichen und ihre Bedeutung? Nie gehört. Tsss! 😉 Ich habe eine Anfrage an die Spiegel-Online-Redaktion geschickt, warum man auf die Frage als Stilmittel verzichtet. Sie blieb bis zur Stunde unbeantwortet. Sobald ich Antwort erhalte, werde ich sie nachtragen.

Schließlich müsste man final drübergehen, denn jede Zeile hat noch Luft. Rund wäre es so:

Klinik-Mitarbeiter an Angriff auf Militärkrankenhaus beteiligt?

Hat deutscher Dschihadist Terrorgruppe beauftragt?

US-Bundesanwalt „gefeuert“?

Gruppenvergewaltigung live auf Facebook?

Wofür man Fragen noch einsetzen kann, habe ich in einem der ersten Blogbeiträge erläutert.

09Mrz 2017

Sport trifft Arbeitsrecht trifft Medien: Warum man sich trennt, wenn jemand entlassen wird.

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Scheiden tut weh: Tagesschau-Bericht über Trainerentlassung (Bildschirmfoto)

Am Wochenende kam es in Fußballbundesliga zu einem Trainerwechsel: Roger Schmidt musste in Leverkusen gehen. Ein Routinevorgang, traurig zwar, aber an der Tagesordnung, wenn es nicht läuft. Und das tut es derzeit nicht. Aufgreifen möchte ich die Berichterstattung. Vorbildlich war zur Abwechslung am 5.3. die Tagesschau.

Bayer Leverkusen entlässt Trainer Schmidt

steht erfrischend direkt auf der Tafel. So was kenne ich schon gar nicht mehr, es erfreut aber das von vielen Faux-pas gebeutelte Zuschauerherz. Jan Hofer liest derweil ungerührt die Phrase vom Blatt, nach der der Verein sich von seinem Trainer trenne. Die hatte ich eigentlich auch auf der Tafel erwartet, sie ist die übliche Formulierung geworden. Obwohl sie trister Arbeitsrechtlersprech ist, formal korrekt, aber blutleer.

Emotionen verhüllen, professionell wirken

Sich trennen – das klingt nach einem schnellen Schnitt, kalt, glatt, emotionslos. Doch wir alle können uns vorstellen, welche Querelen, Konflikte, Vorwürfe, Streitigkeiten im Vorfeld geherrscht haben müssen. Wo bleiben der Frust, die Enttäuschung, die Wut, die zu einer solchen, für alle Beteiligten harten und schweren Enttäuschung führen? Wo die Erleichterung darüber, wenn die Entscheidung getroffen und vollzogen ist? Das alles fehlt und wird verhüllt. Wozu? Die Absicht: Nach außen Haltung bewahren, professionell wirken, beherrscht bleiben, um zu signalisieren, dass man die Dinge im Griff hat, wenn sie eigentlich außer Kontrolle gerade sind. Da lobe ich mir doch die Drastik, mindestens aber doch das Faktische der Umgangssprache.

freistellen-entlassen-2017

Sagen, was Sache ist? Spiegel Online bleibt dem Arbeitsrecht treu. (Bildschirmfoto)

Spiegel Online dagegen zieht es vor,  brav das Arbeitsrecht wiederzugeben: Von der Trennung lesen wir in der Schlagzeile, stellt frei, die zweite, noch schlimmere arbeitsrechtliche Phrase, finden wir dann im Intro. Freistellen – hinter dieser neutralen Hülle verbirgt sich doch in Wahrheit fristlose Kündigung, also Rausschmiss, Überraschung, wenn nicht gar Schock, vielleicht Tränen, Spind und Schreibtisch räumen, und zwar sofort. Wo bleibt der Aufruhr hinter den Kulissen? Nichts davon. Hübsch auch die dritte arbeitsrechtliche Variante, die Medien auch gern in aller Arglosigkeit verwenden, vielleicht weil sie noch etwas gehobener klingt: jmd. von seinen Aufgaben entbinden.

Saftig-drastisch und echt: Feuern und rauswerfen

Wo doch gerade in unseren Qualitätsmedien die Neigung besteht, dicht zu machen statt zu schließen, oder zu kippen wenn etwas rückgängig zu machen ist, könnte ich mir auch deutlich kräftigere Varianten vorstellen. Wie wäre das:

Leverkusen feuert Roger Schmidt

oder

Leverkusen wirft Schmidt raus

Ich fürchte übrigens, der Grund ist schlicht wie meist: Der Redakteur wählt den einfachsten Weg, auf dem es am schnellsten geht, auf dem er nicht denken oder umschreiben muss. Heißt: Er kopiert die Pressemeldung des Vereins ins CMS. Und in der steht: sich trennen. Und da SpOn und Co. diese Formulierungen gern nutzen, gilt auch der Einwand nicht, diese Varianten seien zu drastisch-boulevarddesk und gehörten in die Bild-Zeitung. Allgemein muss ich sagen: Wer einerseits dicht macht und andererseits freistellt, bei dem stimmt die Tonalität nicht; eine einheitliche Linie wäre für die Qualitätssicherung gefragt.

Heute konnte ich die Tagesschau loben. Da kann man aber auch ganz andere Sachen erleben.

02Mrz 2017

Anglizismen sind beim Texten nahezu unvermeidlich. Doch Screenshot und Update sind zwei Beispiele aus sechs Jahren bloggen dafür, sich permanent selbst zu überprüfen, denn eine deutsche Variante ist häufig ebenso brauchbar. 

Nachtrag statt Update, Bildschirmfoto statt Screenshot

Gut ist, was funktioniert: Nachtrag und Bildschirmfoto

Für den Fall, dass Sie nicht von Anfang an dabei waren: Diesen Blog gibt es schon seit 2010. Zunächst hatten die Artikel stärker tagebuchartigen Charakter, waren persönlicher, schärfer im Ton, kürzer und damit unausgewogener.  Sie sind lexikalischer geworden, umfangreicher, mit mehr Bildern, Belegen und Verweisen, um den Einträgen mehr Zusammenhang und Gehalt zu geben. Die Länge ist infolgedessen im Schnitt von 200 auf 400 Wörter angestiegen.

Ich habe in dieser Zeit mehr als 370 Einträge geschrieben, ein ganzes Buch, wenn ich genauer darüber nachdenke. Einige davon waren Anglizismen gewidmet. Sie sind mein täglich Brot, wenn ich texte. Gerade ich könnte eine besondere Vorliebe für sie haben, weil ich vier Jahre als Korrepondent in den USA verbracht habe. Doch genau das macht mich auch sensibel. Dafür dass es modisch ist, sie zu verwenden – das brauche ich nicht. Hypes (ha!), also: kurzlebige Trends ohne Substanz, überlasse ich anderen.

Zugegeben, manche Begriffe klingen auf Englisch besser: aktiver, knackiger, auf den Punkt. Meistens, weil sie kürzer sind, manchmal alliterieren sie, die Kürze macht ein Wort oft besonders dynamisch.

Wozu Screenshots und Updates?

Im Lauf der Jahre habe ich festgestellt, dass es vermeidbare Anglizismen gibt, weil die deutsche Version auch gut klingt. Man muss sie nur kurz auf sich wirken lassen. Vielleicht ist sie eine Silbe länger, aber nicht unbedingt. Das ganze Geheimnis ist, dass man sich beim Texten zunächst von dem sklavischen Reflex, das importierte Wort zu übernehmen, lösen muss. Denn das kommt selbst mir oft als erstes in den Sinn.

Ich habe zwei Beispiele aus der Arbeit am Blog. Absolut vermeidbar ist nach sechs Jahren Erfahrung zum Beispiel das Wort Update für einen Beitrag. Nachtrag hat auch nur zwei  Silben, stammt dazu auch noch aus der gleichen Klangfamilie, da ist am Englischen nichts dynamischer oder kraftvoller. Ausnahme: Wenn ich eine neue Version eines Programms auf einen Rechner aufspiele. In diesem Fall fiele mir nichts besseres ein. (Aber sehen Sie: Programm und Rechner statt Software und Computer. Geht doch, oder?!) Die Aktualisierung dagegen, die auch möglich wäre, hat deutlich mehr Silben, klingt bürokratischer und sperriger.

Gut ist, was funktioniert

Nur geringfügig länger, aber für meine Ohren auch sehr brauchbar ist das Bildschirmfoto statt Screenshot. Das Konkrete-Bildhafte ist genauso da, das Abstrakt-Leblose, das dem Deutschen gern entgegengehalten wird, fehlt. Ich habe mir vorgenommen, noch stärker als bisher drauf zu achten, Bildschirmfoto und Nachtrag zu benutzen und auf Screenshot und Update zu verzichten. Nicht aus einfältigen Gründen wie Sprachhygiene, Deutschtümelei oder Leitkultur. Auch Kategorien wie konservativ oder progressiv sind mir gedanklich fremd. Mich interessiert, was funktioniert. Denn darin liegt eine elementare Aufgabe des Texters: Dinge so zu formulieren, dass sie beim Empfänger ankommen.

So sage ich ganz pragmatisch: Manche Anglizismen sind unnötig. Was bedeutet das? Ich mag neben Präzision und Klarheit in der Sprache Effizienz. Heißt: Ich verabscheue Redundanz. Und diese beiden Anglizismen sind redundant. Sie geben dem Ausdruck und der Aussage nichts, was nicht auch die beiden deutschen Wörter leisten können. Nochmal: Nichts gegen Anglizismen, ich plädiere nur für Maß und Mitte. Da, wo es keine passende deutsche Entsprechung gibt, verwende ich sie gern.

Neue deutsche Worte (er-)finden

In diesem Zusammenhang habe ich einen älteren Blog-Artikel auf Bärentatze.de gefunden, der zwei interessante Gedanken enthält:

„Dafür gibt es kein Wort im Deutschen“ taugt nicht als Argument zur Verteidigung von Lehnwörtern. Man könnte es auch umdrehen und als Aufforderung verstehen: Hier ist etwas Neues, finde dafür das angemessene Wort!

Word! (har!) Oder auch: Das ist ein Wort!

Linguisten verweisen gern auf die Regel, nach denen jede lebendige Sprache neue Wörter bildet. Damit haben sie völlig recht, und diese enthalten auch, dass man sich in anderen Sprachen umsieht. Peinlich wird es nur, wenn die deutsche Sprache keine Wörter mehr bilden darf.

Woran man erkennen kann, wie stark der Druck/die Neigung/die Gewohnheit geworden ist, Englisch als Ausdruck von Weltläufigkeit und Gewandtheit zu verstehen, während einem die eigene Sprache kleinkariert und spießig vorkommt. Daneben spielt wohl die Ökonomie des Denkens eine Rolle: Was mir als erstes einfällt, nehme ich, länger nachzudenken ist zuviel Aufwand ohne erkennbaren Ertrag.

Hat jemand andere vermeidbare Anglizismen? Immer her damit.

23Feb 2017

Im ersten Quartal 2017 sind ein paar schöne Projekte fertig geworden: Smart! wurde online und Print gerelauncht, eine neue AuWi-im-Fokus-Ausgabe kam heraus. Besonders freut mich ein weiterer Preis für Telekom_Life.

Smart-G+D-1-17

Relaunch in Kooperation mit KMS: Smart!, das Kundenmagazin von G+D Mobile Security

In der Branche gibt es regelmäßig Schulterblicke für die Kunden, heute einen bei mir. Aus gutem Grund: Zum Ende der ersten zwei Monate 2017 wird es Zeit für eine erste Bilanz. Es entstanden drei neue Projekte, die sehr arbeitsintensiv waren, dafür aber auch sehr schön geworden sind.

Relaunch Smart!
Smart! ist das Kundenmagazin von G&D Mobile Security, das sich in englischer Sprache an die Geschäftskunden aus Mobilfunkanbietern, Banken und Finanzdienstleistern sowie Erstausrüstern wendet. Die Ausgabe 1/17 erschien gedruckt im klassischen Zeitungsformat und online. Es war keine gewöhnliche neue Ausgabe, sondern ein vollständiger Relaunch zum Mobile World Congress in Barcelona in Zusammenarbeit mit KMS, die die Optik passend zur neuen CI von G&D Mobile Security entwickelten. Erstmals arbeiteten wir mit einem Stab internationaler Autoren von vier Kontinenten, den ich im letzten Herbst akquiriert habe.

Außenwirtschaft im Fokus

Auwi-im-Fokus-1-17

Fokus auf die bayerische Exportwirtschaft: Was geschieht nach der Öl-Ära?

Ende Januar erschien bereits die neue Ausgabe von AuWi im Fokus, einem meiner Lieblingsprojekte. Zweimal im Jahr berichtet das Magazin über die bayerische Exportwirtschaft. Das ganze Magazin finden Sie auf der Website von Bayern International, der Exportförderungsgesellschaft des Bayerischen Wirtschaftsministeriums. Neben der Funktion als Chefredakteur habe ich auch zwei Geschichten beigesteuert, eine davon eine Reportage über den fränkischen Unternehmer Ralf Scheid, Entwickler einer 3D-App, die sogar Apple neidisch macht.

Mercury für Telekom_Life
Zum Schluss noch eine Meldung über einen weiteren Preis.  Telekom_Life, das Online-Magazin für die Telekom-Bestandskunden, wurde mit einem  Mercury 2016/17 in der Kategorie Digital Customer Magazin ausgezeichnet. Eine Ergänzung folgt, sobald die Urkunde angekommen ist und die Begründung der Jury vorliegt. Aktuell arbeiten wir an Ausgabe 1-17 mit ET 23.3.17.

Diese drei Projekte entstanden in Kooperation mit und im Auftrag von Journal International, The Home of Content. Telekom_Life wurde auch im vergangenen Jahr ausgezeichnet. Womit, erfahren Sie hier.

15Feb 2017

Wie kein anderer US-Präsident zuvor fordert Donald Trump die Medien heraus. Auf dessen Persönlichkeit und Politik reagieren sie mit bissigen Wortneuschöpfungen. Die kommentierte Top 5.

Trumpismus-Wortspiel-US-Präsident

Voll im Trend – Wortspiele auf den US-Präsidenten Donald Trump (Bildschirmfoto)

(15.2.2017, Nachtrag 16.2.2017) Jetzt aber schnell, bevor die Welt untergeht – oder die erste Woge der Empörung und des Entsetzens wieder abebbt. Wohl nie zuvor in der jüngeren Vergangenheit hat ein amerikanischer Präsident die Medien so gegen sich aufgebracht. Diese Abneigung äußert sich nicht nur in flammenden Analysen, sondern befeuert auch die Schaffenskraft der Wortschöpfer. Seit Trumps Amtsantritt vergeht kein Tag ohne neue Aufregung – man möchte meinen, der Antichrist, Verzeihung, der Antitrump sei auferstanden.

Dabei werden regelmäßig neue Wörter geprägt. Was sie alle gemeinsam haben: Es handelt sich durchweg um Kofferworte, also Zusammensetzungen aus Trumps Nachnamen und anderen Begriffen. Hier der Überblick in Form einer Top 5:

1. Trumponomics

Trumponomics sind schon recht weit verbreitet, auch weil es sie schon länger gibt. Sie finden sich bereits seit Ende letzten Jahres, also noch vor dem Amtsantritt, in großen Tageszeitungen wie der Welt oder der FAZ, aber auch in englischsprachigen Medien wie dem Economist. Damit ist die Drohung mit Importzöllen und Dollarverbilligung gemeint, um den USA Wettbewerbsvorteile auf den Weltmärkten zu verschaffen und Konkurrenten Nachteile auf dem US-Markt zu bescheren. Das Ziel: Kurzfristig mehr Beschäftigung auf dem einheimischen Markt zu erreichen. Die Trumponomics kommen bereits auf stattliche 581.000 Treffer bei Google. (Stand 15.2.2017)

2. Trumpocalypse

Die Trumpocalypse tauchte auch schon Ende des letzten Jahres auf – die Fantasien wurden offensichtlich sehr schnell sehr düster. Als Fundstelle sei hier der Stern genannt, der damit im November 2016 den finalen Abgesang herbeischrieb. Auch hier sichert frühe Entstehung weite Verbreitung: 310.000 Google-Treffer stehen am 15.2.2017 zu Buche.

3. Trumpelstilzchen

Das Trumpelstilzchen hat der Cicero zu bieten, um den cholerischen Charakter des US-Präsidenten zu beschreiben. Magere 1.390 Treffer deuten auf eine geringe Bedeutung und Durchsetzung hin.

4. Trumpophilie und Trumphophobie

Trumpophilie und Trumphophobie, also Vorliebe für und Abneigung gegen den US-Präsidenten, verwendete Robert Halver, ein führender Bankmanager, in seiner Aktienmarkteinschätzung auf Linkedin. So leicht das Pärchen von der Zunge geht, so gering ist es noch verbreitet: Nur gut 500 Treffer auf Google.

5. Trumpismus

Wo es gegen Trump geht, sind die tapferen Schreiber von Spiegel Online nicht weit und glänzen mit kreativen Würfen. Zur Neuschöpfung Trumpismus brillierte man jüngst mit der Schlagzeile

Trompeten des Trumpismus

(siehe Bildschirmfoto), womit man zugleich das neugeschaffene Wort mit einer Alliteration verknüpfte. Zum Trumpismus, für den Google am 15.2.2017 immerhin 61.000 Treffer listet, fand ich eine frühe Fundstelle in der FAZ. Bereits am 4.8.2015, kurz nachdem Trump angekündigt hatte, bei den Vorwahlen anzutreten, definiert man dort Trumpismus markig so:

Steinreich, rotzfrech und ein Ego, so groß wie seine Wolkenkratzer.

Und man war  im selben Atemzug der Meinung, Trump würde niemals Präsident werden. Die Anmerkung sei erlaubt: Welch Fehleinschätzung! Soviel zur Qualität in Qualitätsmedien. Hübsch auch das Vokabular im Artikel: „Ekelpaket“, „Kotzbrocken“ – wow, die gutbürgerliche FAZ kann auch proletarisch. Ich staune und frage mich, ob nicht Zurückhaltung angezeigt wäre, bevor man sich inhaltlich und stilistisch derart verreitet.

Nachtrag, 16.2.2017: Einen hab‘ ich noch, diesmal Spiegel Online: Trumpeltier. Da muss man – im Gegensatz zu Trumponomics oder Trumpohilie – nichts mehr erklären, das Bild ist jedem klar. Nicht ohne Witz, aber auch ohne jeden Respekt vor dem Amt oder dem Mann. Im Gegensatz zu den bisherigen Beispielen ist das Trumpeltier auch kein Kofferwort, sondern nur ein Vokaltausch (a gegen u), insofern gewöhnlicher.

Warten wir ab, was sich davon verfestigt, was verschwindet und was Neues hinzukommt. Der einzige andere Präsident, der ein Wortspiel mit seinem Namen prägte, war Ronald Reagan. Das Kofferwort Reagonomics bezeichnete die angebotsorientierte Wirtschaftspolitik der Achtziger, nach der sinkende Steuersätze durch steigende Steuerehrlichkeit zu höheren Staatseinnahmen führen sollten.

Was den US-Präsidenten sonst angeht, wissen Sie, was Potus und Flotus sind?

10Feb 2017

Warum Stühle, Bücher oder Besen kippen können (und Schnäpse gekippt werden), aber keine Gesetze.

besetz-kippen-spiegel-online

Der Bilderrahmen hängt schief, wenn ein Verbot kippt.

Diesen Beitrag hätte ich schon vor fünf Jahren schreiben können. Das wollte ich auch, doch andere Themen waren jeweils dringlicher. Doch jetzt ist es soweit. Und Achtung, das folgende Beispiel ist beliebig, der allgegenwärtige amerikanische Präsident ist NICHT das Thema, sondern es geht mir um das Verb der Schlagzeile: kippen.

US-Demokraten wollen Trumps Einreiseverbot kippen

titelte Spiegel Online kürzlich einen Beitrag. (s. Bildschirmfoto)

Der Trick mit der Tonalität

Warum geht es mir um das Verb? Es ist ein Beispiel für die sog. Tonalität, das Sprachniveau, das ich für ein Medium oder einen Beitrag in ihm wähle. Die Tonalität muss, wie man so schön (oder schlecht) sagt, stimmig sein. Damit ist einheitlich gemeint, wenn man es nicht im Germanistenjargon formulieren will. Und das heißt, alle Bestandteile eines Satzes, die Summe der Sätze in einem Beitrag sowie die Summe der Beiträge eines Mediums sollen idealerweise wie aus einem Munde klingen. Für diese Blattsprache sorgt in einem größeren Medium wie Spiegel Online ein Textchef; u.a. vereinheitlicht er die Eigenheiten der beteiligten Autoren. Doch wie das Beispiel zeigt, kann die Tonalität selbst innerhalb eines Satzes kippen (har!).

Synonyme machen es stimmig

Warum ist das hier so? Weil es um das Thema Politik geht. Der Ton des Beitrages muss dazu passen, also ernst sein. Nicht gesetzt, nicht spröde, aber ernst. Und das fehlt hier: Wenn ich im Zusammenhang mit dem Einreiseverbot von kippen spreche, ist der Ausdruck unangemessen. Kippen ist zu locker, zu lässig, zu leger, ungefähr so wie kassieren es auch gewesen wäre.

Was könnte man stattdessen sagen? Mir fallen in kurzer Folge diese Synonyme ein:

stoppen, verhindern, zurücknehmen, zurückziehen, rückgängig machen

Werfen wir einen Blick in den Duden: Er bietet noch das etwas längere zum Scheitern bringen. Wenn man den Platz hat, warum nicht. Online wäre das im Lauftext in jedem Fall eine Option.

Verschärfte Unstimmigkeit

gesetz-kippen-tagesschau

Wenn billigen auf kippen trifft, wird es explosiv.

Noch stärker kommt die Unstimmigkeit in meinem zweiten Beispiel heraus, das von der Webseite der Tagesschau stammt (Keine Sorge, Frau Daubner hat auch schon in der Fernsehfassung vorgelesen, dass Gesetze gekippt werden sollen).

Israel billigt umstrittenes Siedlergesetz

heißt es in der Überschrift.

Am Ende des Teasers steht dann:

Israels höchstes Gericht könnte das Gesetz noch kippen.

Billigen, das Verb in der Schlagzeile, ist ein formelles Verb, das der typischen Gesetzessprache und dem Juristendeutsch entstammt. Wenn ich ein Verb auf diesem gehobenen Sprachniveau verwende, entsteht mit dem informellen kippen ein scharfer Gegensatz, der auf Anhieb unstimmig wirkt. Hier hätte der Texter auf jeden Fall eine angemessene Alternative verwenden müssen. Welche – siehe oben.

Zur Ursache kann ich nur die üblichen Vermutungen anstellen, die mir aus der beruflichen Praxis geläufig sind: Zeitnot, Nachlässigkeit, Neigung zum schematischen Denken (hier: in Wendungen). Wenn man sich dessen bewusst ist, ist schon was gewonnen. In diesem Sinne: Danke für’s Lesen bis hierher. Jetzt fehlt nur der zweite Schritt: Das Gelernte anzuwenden.

Sie haben Lust auf und Zeit für eine weitere Einheit? Stilistisch ebenso lausig, aber populär, ist die Verwendung des Verbs daherkommen.

02Feb 2017

Der Kommunikationsexperte Murtaza Akbar hat kürzlich untersucht, wieviele Anglizismen DAX-Unternehmen verwenden. Im Interview spricht er über die Konsequenzen dieser Entwicklung, warum die wenigsten Unternehmen authentisch kommunizieren und warum Hochdeutsch fast immer die beste Lösung ist. (Lesedauer ca. 5:30 Min.)

wofür Angliszmen im Deutschen

Sprachoptimist: Murtaza Akbar (@ Murtaza Akbar/Wortwahl)

Vielleicht haben Sie vorletzte Woche auch von dieser Untersuchung gehört oder gelesen? (Z.B. im Münchner Merkur oder in der tz.). Methodisch wurde dabei ausgezählt, wieviele Anglizismen sich auf der Startseite deutscher DAX-Unternehmen finden. „Lieber Englisch“, war der Beitrag überschrieben, und sodann die scharfe Frage aufgeworfen, ob die deutsche Sprache bei den DAX-Konzernen ausstirbt. Der Artikel war dann schon etwas differenzierter und enthielt so einiges, was die Existenz dieses Blogs begründet.

Dass die deutsche Sprache sich so schnell verändert wie noch nie, bedingt durch das Internet und die Präsenz des Englischen. Dass sich durch Soziale Medien ganz andere Formen der Verständigung etablieren, z.B. durch Emojis, Abkürzungen, aber auch Verzicht auf Deklination. Dass Grammatik immer weniger interessiert, obwohl in sozialen Netzen mehr geschrieben wird als je zuvor.

Das fand ich so spannend, dass ich beschloss, mit Murtaza Akbar von der Agentur Wortwahl, der die Untersuchung zusammen mit seinem Team durchgeführt hat, ein Interview zu führen. Die Ergebnisse hat er tabellarisch zusammengefasst und neun Thesen daraus abgeleitet. Gerade den Veränderungsprozess und seine Konsequenzen wollte ich gern genauer ergründen. Hier seine Antworten.

  1. Wie kamen Sie auf die Idee zu der Untersuchung?

Die Unternehmens- und Onlinekommunikation ist unsere Expertise. Entsprechend hoch ist unser Anspruch, Erfahrungen und Wissen nicht nur zu haben oder Prozesse zu kennen, sondern auch belegen zu können. Englisch ist für Dax-Konzerne inzwischen Standard. Mich hat interessiert, wie sich das im Detail in der Unternehmens- und Onlinekommunikation widerspiegelt. Deshalb haben wir exemplarisch die Start-Webseiten der 30 Dax-Konzerne daraufhin genau unter die Lupe genommen. Anglizismen in Maßen sind in Ordnung. Dass es aber teilweise so viele sind, hat selbst uns überrascht.

  1. Wie halten Sie selbst es mit Anglizismen? Verwenden Sie Entscheidungsregeln oder -kriterien, oder lassen Sie sich vom Bauchgefühl leiten?

Hier gilt es zu unterscheiden. Ein IT-Unternehmen wie Infineon nutzt erwartungsgemäß mehr Anglizismen und englische Begriffe als beispielsweise ein Energiekonzern wie E.ON. Sie müssen natürlich die Sprache Ihrer Zielgruppe sprechen. Wichtig ist dabei aber, die richtige Balance zwischen zielgruppengerechter Ansprache, eigener Unternehmens­kultur und der generell üblichen Sprache zu finden. Und hier kann in der Tat das Bauchgefühl sehr helfen. Es gibt viele hervorragende Kommunikatoren in Unternehmen, die leider oft zu wenig auf ihr Bauchgefühl hören (dürfen). Ich ermuntere dazu in meinen Vorträgen, nicht nur vor Experten, genau das zu tun.

  1. Unterscheidet sich Ihre gesprochene von Ihrer geschriebenen Sprache, was Anglizismen betrifft?

Ja, gesprochene und geschriebene Sprache unterscheiden sich durchaus. Das empfehlen wir übrigens auch Unternehmen. Bei mir ist das nicht anders. Ich verwende mündlich auch mehr Anglizismen als geschrieben, was aber auch mit meiner Vita zu tun haben kann. (Anm. d. Red.: Hr. Akbar stammt aus Pakistan).

  1. Ich stimme Ihrer Aussage zu einer starken Veränderung des Deutschen zu. Wenn diese Aussage stimmt, warum sollte und wie kann man sinnvoll eine Rechtschreibung pflegen, gerade als Unternehmen? Nach Kanälen trennen? Als Kriterium bliebe dann nur die Authentizität der Aussagen, formal wäre alles egal?

Unternehmen sollten natürlich grundsätzlich Rechtschreib- und Grammatikregeln beachten. Ganz unabhängig davon, welche Tonalität, Wortwahl oder auch welchen Kanal sie nutzen. Ob locker, hochseriös, amüsant, Webseite, Twitter oder Snapchat – es sollte alles und überall richtig geschrieben werden. Nur wenn sie mit der Sprache spielen, sollten Unternehmen davon abweichen, aber das geht nur punktuell, sonst wird es anstrengend und unnatürlich. Authentizität ist in der Kommunikationsbranche übrigens ein überstrapaziertes Wort. Jedes Unternehmen will authentisch kommunizieren, die wenigsten tun es aber wirklich.

  1. Zu Ihrer ersten These: „Das Allgemeinwissen der Menschen in Deutschland wird kleiner, Nischenwissen dagegen größer – Folge: Der gemeinsame Wortschatz wird kleiner, die Verständigung schwieriger und gleichzeitig die Vielfalt der Sprache größer.“ Denkbar wäre doch auch ein kleinster gemeinsamer Nenner.

Ich bin grundsätzlich ein „Sprachoptimist“, deshalb finde ich die zunehmende Vielfalt der Sprache positiv, die mit der wachsenden Vielfalt der Kommunikationskanäle einhergeht. Der „kleinste gemeinsame Nenner“ ist mir zu negativ, aber wir müssen aufpassen, dass es nicht genau dazu kommt. Dass wir uns heute und in Zukunft über Generationen und Gruppierungen jeglicher Art hinweg verstehen und unterhalten können, ist das Wichtigste überhaupt.

  1. Ihre dritte These lautet: Anglizismen und Fremdwörter werden künftig immer häufiger „eingedeutscht“ – Folge: Die deutsche Sprache wird vielfältiger, internationaler, ohne an Eigenheiten zu verlieren.“ Warum verliert sie ihre Eigenheiten nicht? Werden nicht durch eingedeutschte Anglizismen deutsche Wörter verdrängt? Eine Bereicherung kann doch nur bei Wörtern eintreten, die sich gar nicht oder nur schlecht auf Deutsch sagen lassen (z.B. Verben wie googeln oder instagrammen).

Vielfalt halte ich generell für eine Bereicherung, auch in der Sprache. Dass Deutsch, ob von Anglizismen oder anderen Entwicklungen, verdrängt wird, die Gefahr sehe ich nicht im Ansatz. Gut 100 Millionen Menschen haben Deutsch als Muttersprache mit einem wunderbaren Wortschatz, der von den meisten gar nicht annähernd genutzt wird. Wer tut das schon? Zudem erlebe ich es häufig, dass die jungen Generationen unterschätzt werden. Viele von ihnen können sehr gut unterscheiden, was ein Anglizismus, ein Fremdwort oder ein deutsches Wort ist.

  1. In These 8 heißt es: „Unternehmen müssen sich verstärkt auf eine Vielfalt an Sprache, Kommunikation, Kanälen und Zielgruppen einstellen – Folge: Die Unsicherheit in der Kundenansprache wird steigen.“ Das hieße, die Ansprache zu differenzieren. Nehmen wir an, Sie wollten als Unternehmen – z.B. aus Kapazitätsgründen – nicht differenzieren. Wäre dann Hochdeutsch eine neutrale Kompromisslösung?

Hochdeutsch ist keine Kompromisslösung, sondern fast immer die beste Lösung und empfehlenswert. Und nicht nur bei Kapazitätsengpässen empfehle ich „weniger ist mehr“. Relevante Kommunikation wird immer wichtiger werden für Unternehmen, nicht die Masse. Ich meine mit der kanal- und zielgruppengerechten Ansprache auch nicht Dialekte, Slangs oder Kiezdeutsch, sondern Fragen wie das Duzen oder Siezen, die Tonalität und die Wortwahl. Es geht hier um feinere Unterscheidungen. Unabhängig davon sollte jede Ansprache „echt“ sein, nicht anbiedernd oder aufgesetzt, sondern natürlich und ehrlich, dann kommt sie auch an. Viele Unternehmen vergeben hier große Chancen.

  1. Wie stark sehen Sie den Einfluss englischer Grammatikregeln auf die Entwicklung des Deutschen, z.B. in der Pluralbildung Citys vs. Cities? Wie vermittelt man die Tatsache, dass englische und deutsche Sprache unterschiedlichen Regeln unterliegen? (Bsp. Substantive einfach hintereinander zu reihen wie in Standard Erklärungsansatz)? Was raten Sie Unternehmen diesbezüglich?

Das habe ich noch nicht als besonders massive Entwicklung registriert. Zu vermitteln, dass die deutschen und englischen Grammatikregeln unterschiedlich sind, sehe ich als Kür an. Ich glaube, dass es vielen Menschen immer schwerer fällt, die richtigen Kommata und die richtige Groß- und Kleinschreibung anzuwenden. Auch das wird zu Veränderungen führen.

  1. Sie sagen auch: „Online- und Social-Media-Kommunikation beeinflussen die deutsche Sprache enorm.“ Welche Konsequenzen auf den sprachlichen Ausdruck hat die Verwendung von Emojis in Sozialen Medien? Welche der Verzicht auf Deklination? Was halten Sie von der These schrumpfenden Ausdrucksvermögens und der Infantilisierung des Ausdrucks durch soziale Medien? Woher stammt ihre Zuversicht, dass „es einen wunderbar vielfältigen Wortschatz gibt, der von allen Generationen bereichert wird“?

Welche Auswirkungen die vielfältige Kommunikation mit Abkürzungen und Emojis in den Sozialen Medien auf die jungen Generationen haben wird, können wir heute noch nicht sagen. Darauf bin ich selbst gespannt, betone aber nochmals, dass wir die jungen Menschen nicht unterschätzen sollten. Es ist Aufgabe aller Generationen, aufeinander zuzugehen und miteinander zu sprechen. Eine Zahl, die mich zuversichtlich stimmt, ist, dass mehr als 50 Prozent der 60- bis 69-Jährigen hierzulande WhatsApp nutzen – und sicher auch generationsübergreifend kommunizieren.

  1. Wie stehen Sie zu gendergerechter Sprache? Wie beurteilen Sie deren Einfluss auf Sprachästhetik und -effizienz? Welchen Einfluss wird sie im Rahmen der Compliance in den kommenden Jahren auf die Unternehmenskommunikation haben?

„Gendergerechte Sprache“ ist ein Aspekt, der vor allem Unternehmen, Institutionen und Organisationen betrifft. Es ist die Aufgabe von uns Kommunikationsprofis, hier sprachliche Lösungen zu finden, die den Compliance-Ansprüchen gerecht werden und gleichzeitig ansprechend und gut anwendbar sind. Da sehe ich keine Schwierigkeiten, das ist unsere tägliche Arbeit. Behörden und Ämter tun sich nach meiner Erfahrung hier sehr viel schwerer. Aber auch sie müssen moderner werden, nicht nur, was die Kommunikationskanäle, sondern auch was die Ansprache betrifft. Alles in allem: Kommunikation ist was Wunderbares – ob für Unternehmen oder zwischen zwei Menschen. Es gibt kaum etwas Schöneres als ein richtig gutes Gespräch!

Redaktioneller Hinweis: Die Fragen und Antworten wurden per E-Mail ausgetauscht. Ich danke Hr. Akbar für seine Zeit und Mühe.

Mehr Aktuelles über Anglizismen? Hier geht es zum frisch gekürten Anglizismus des Jahres 2016 – Fake News.

01Feb 2017
Fake News: Anglizismus des Jahres 2016

Relevant, prägnant, neu: So sieht ein Gewinner aus (© Veranstalter)

(1.2.2017) Anglizismus des Jahres 2016 sind die Fake News, gefälschte Nachrichten, die vornehmlich in sozialen Netzen kursieren. Begründet wird das erstens mit der starken Präsenz in der Öffentlichkeit und zweitens damit, dass dieses Lehnwort durch kein existierendes deutsches ersetzt werden kann. Nur Fake News würden den Vorsatz des Fälschens beinhalten. Mir leuchtet nicht ein, warum das deutsche Äquivalent Falschmeldung keinen Vorsatz enthält, sondern nur Versehen oder Fahrlässigkeit. Und was ist mit der guten, alten Propaganda? Da wurde mit Lust vorsätzlich geflunkert. Aber sonst: Kann man machen.

Fake News sind zwar noch recht neu, sie kamen erst ab November 2016 im Zusammenhang mit postfaktisch auf. Aber endlich wurde wieder ein relevanter, prägnanter Begriff  mit Unterscheidungskraft ausgezeichnet.  Eine ausführliche Begründung finden Sie im Sprachlog. Interessant ist noch, dass  sowohl Jury als auch Publikum die Fake News favorisierten. Soviel Einigkeit ist selten und vielleicht ein Bonuspunkt.

Brexit auf den Plätzen
Ich habe den Brexit favorisiert, nicht als Kofferwort, sondern als eigenständigen Begriff. Der Brexit erfüllt ebenfalls die Kriterien Relevanz und Prägnanz, war aber schon früher da und konnte sich daher noch breiter entfalten. Er erreicht im Wettbewerb Platz vier.

Hier mein Eintrag zu Blackfacing, dem Anglizismus des Jahres 2014, bei dem ich mich noch so sehr ärgern musste, dass ich die Refugees Welcome-Ehrung des letzten Jahres umkommentiert ließ.

2016