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02Dez 2016

Warum man zusammengesetzte Substantive wie Reifengarantieversicherungsbestimmungen, Hochentaster und Klebereisknödel koppeln sollte – und wie.

Regelmäßige Leser dieses Blogs wissen, dass ich ein großer Freund des Bindestrichs bin. Er sorgt für so herrlich viel Klarheit und erleichtert die Lesbarkeit. Vor allem bei langen Wörtern, die im Deutschen schnell entstehen, weil Substantive beliebig zusammengesetzt werden dürfen. Ich habe ein paar Beispiele aus der letzten Zeit gesammelt, die ich in Zusammenschreibung gefunden habe, um zu dokumentieren, was das in der Praxis bedeutet. Wie Sie gleich sehen werden, schafft der Bindestrich den entscheidenden Überblick inkl. Aha-Effekt.

Reifengarantieversicherungsbestimmungen

Kürzlich textete und redigierte ich das Willkommensdokument, das ein großer deutscher Automobilhersteller seinen Kunden bei der Abholung überreicht. Darin wird der frischgebackene Eigentümer mit zahlreichen Services des Unternehmens bekannt gemacht. U.a. gibt es die Möglichkeit, mittels einer Versicherung die Garantie auf die Reifen zu verlängern. Diese Versicherung wiederum ist an bestimmte Bestimmungen gebunden. Das alles gibt ein Wort, das in der ersten Fassung so gekoppelt war:

Reifengarantieversicherungs-Bestimmungen

Das kam mir unglücklich vor, erstens aus Gründen der Symmetrie, zweitens weil ein Kopplungs-s vorliegt, das man nicht durch einen Bindestrich teilen sollte, drittens vom Sinn her: Es handelt sich um Versicherungsbestimmungen, die die Reifengarantie regeln. Weniger zwingend schien mir der Gedanke, es handele sich um Bestimmungen zu einer Reifengarantieversicherung. Also entschied ich mich für

Reifengarantie-Versicherungsbestimmungen

was der Kunde auch billigte und mich sehr freute.

Hochentaster

Wer ein Grundstück mit Baumbestand sein eigen nennt, wird nicht umhin kommen, gelegentlich die Äste zurückzuschneiden. So vermeidet man, dass die Bäume den Himmel vollständig vereinnahmen, was sie werden, wenn man sie nicht bremst. Für den Baumschnitt empfiehlt sich die Anschaffung eines sogenannten Hochentasters. Darunter stelle man sich eine Motorsäge mit einem ausziehbaren Arm vor. Mit ihr kann man auch in größerer Höhe Äste erreichen, für die man sonst eine Leiter bräuchte. So weit, so sinnvoll, wenn da nur diese eigenwillige Bezeichnung nicht wäre. Hochentaster steht ungekoppelt in der Betriebsanleitung,  und liest man nicht genau, fragt man sich, nach welchem Taster man suchen soll. Denn Hochen-Taster lässt sich schnell aus dem zusammengesetzten Wort machen, wenn einem der Begriff erstmals begegnet. Erst die Verständnisprüfung ergibt dann, dass wohl doch ein Hoch-Entaster gemeint ist. Ein guter Grund, dies auch zu schreiben, wie ich meine.

Klebereisknödel

So stand es in der Speisekarte eines vietnamesischen Restaurants, das ich kürzlich besuchte. Um den Wortstamm, die Knödel, freizulegen, wäre die Schreibung Klebereis-Knödel geboten. Allerdings las ich Kleber-Eisknödel und hatte bei Eisknödeln schon Blaumeisen und Spatzen vor Augen, die an einem kalten Wintertag vor dem Vogelhäuschen in Erwartung eines Leckerbissens der Marke Kleber aufgeregt flattern. Um diesen Lesefehler auszuschließen, könnte man eigentlich Klebe-Reisknödel koppeln. Und warum auch nicht? Denn die feste Verbindung Reisknödel ergibt durchaus Sinn (obwohl ich geneigt bin einzuräumen, dass es womöglich wichtiger ist, die Machart Klebe-Reis zu betonen.)

Die Praxis der ungekoppelten Schreibung

Wenn man allerdings die Schreibrealität der letzten Jahre berücksichtigt, würden die drei Wörter so geschrieben werden:

  • Reifen Garantie Versicherungsbestimmungen
  • Hoch Entaster
  • Klebe Reis Knödel.

Das macht es auch sehr klar, zeigt aber auch gewisse Barbarität (oder Barbarismus?) und hat den m.E. gravierenden Nachteil, dass die Zusammengehörigkeit der einzeln stehenden Begriffe nicht sogleich ersichtlich wird. Das schafft nur der Bindestrich. Sie sind Fan des kleinen Querstrichs geworden? Hier geht’s zur vorigen Folge meiner kleinen Serie Bindestrich-oh-binde-mich.

26Nov 2016

 Diese Woche bewies „Hart aber fair“, dass Verben Großes bedeuten. Für die Folge „Hassen, pöbeln, gaffen“ wurden sie nämlich groß geschrieben. Warum – und was die Redaktion dazu sagt.

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Hassen, pöbeln, gaffen – groß anmoderiert. (Bildschirmfoto)

„Hassen, Pöbeln, Gaffen“ – so wurde die letzte Folge „Hart, aber fair“ anmoderiert. Die Schreibung der ersten drei Wörter, allesamt Verben ((=Tunwörter) wurde durchgehend so kommuniziert, nicht nur wie auf dem Bildschirmfoto zu sehen. Auch die Suche nach der Folge bei Google führt zu einem einheitlichen Ergebnis – groß schreiben war Trumpf.

Ursache 1: Mangelhafte Prozesse?

Das hat mich irritiert, denn es handelt sich um drei Tätigkeiten, die in Verben ausgedrückt werden – und die schreibt man eigentlich klein. Nun könnte man denken, das hat der Praktikant verbockt. Dann aber stellt sich die Frage: Kontrolliert niemand, was der Praktikant macht, bevor etwas gesendet wird? Wie sind die Prozesse öffentlich-rechtlich strukturiert, die keine Qualitätsstandards gewährleisten? Und bei acht Mrd. Euro Jahresetat – keine Schlussredaktion, nein? Oder ist es einfach nicht so wichtig? Spaß beiseite: Wenn ich einen Beitrag mit dieser Schreibweise an einen meiner Kunden geschickt hätte, wäre eine schroffe E-Mail die Folge gewesen. So könne man das Dokument auf keinen Fall dem Vorstand zur Freigabe vorlegen, hätte es geheißen. Warum geht öffentlich-rechtlich durch, was  in der Privatwirtschaft moniert wird?

Nun ist es ja ziemlich einfach, sich aufzuplustern, ohne die andere Seite gehört zu haben. Vielleicht gibt es ja einen Grund für die Großschreibung? Weil ich nicht glauben konnte, dass es ein Fehler ist, und im steten Streben nach fairem Umgang und faktischer Aufklärung habe ich mich per E-Mail an die Redaktion gewandt.

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„Liebe Redaktion“ – Mail mit der Bitte um Aufklärung (Bildschirmfoto)

Ursache 2: Gleichgültigkeit?

Was hatte die Redaktion zu sagen? Bestimmt war der Andrang wegen des brisanten Themas der Sendung hoch. Keinesfalls kann ich mir vorstellen, meine Anfrage zu einem sprachlichen Anliegen wäre zu unwichtig gewesen. Aber vielleicht doch. Denn Tatsache ist: Bis heute warte ich auf Antwort. Bis sie kommt, hier schon mal die Grundlagen.

In diesem Halbsatz kommen zwei Regeln zur Anwendung:

  1. Satzanfänge werden großgeschrieben. (siehe Duden)
  2. Verben werden klein geschrieben. (siehe Orthografie-Trainer)

Verben werden nur dann großgeschrieben, wenn ein bestimmter oder unbestimmter Artikel davorsteht (ein, eine oder der, die, das). Sehen Sie hier einen Artikel? (Diesen Fall nennt man Substantivierung von Verben, sie ist hässlich und sollte wann immer möglich unterbleiben.)

Ursache 3: Sendungsbewusstsein und Wichtigkeit?

Kommen wir zum interpretatorischen Teil dieses Eintrags. Man nimmt sich als Angehöriger des öffentlich-rechtlichen Rundfunks wichtig, man fühlt sich für die Gesellschaft verantwortlich, als Teil einer Elite, hat Einfluss, weil man Herr über ein Massenmedium ist. Daher sind die Themen: WICHTIG! INDEM ICH GROSS SCHREIBE, WERDE ICH GESEHEN UND GEHÖRT. ICH HABE EINE BOTSCHAFT, ICH WILL ETWAS ERREICHEN. VERSTANDEN?! WARUM ALSO NICHT GLEICH SO? DAS WÄRE KONSEQUENT. Denn andererseits: Was ich klein schreibe, wirkt auch klein. Und bescheiden. Und leise. Und das ist nicht in meinem Interesse. Denn ich habe etwas zu sagen, habe einen Auftrag, will die Gesellschaft aufrütteln, vielleicht verändern, zum Besseren natürlich, denn sie verroht laut Untertitel. Auch die Worte selbst: Hass, Pöbel, Gafferei – das sind starke Begriffe mit viel Emotionen, die müssen groß raus.

Ursache 4: Verunsicherung durch Multiplikation 

Im Englischen wird bei Titeln oder Überschriften alles außer Füllwörtern groß geschrieben. Diese Praxis überträgt sich auch ins Deutsche. Nur ein Beispiel: The Dark Side of the Moon, auch in der deutschen Wikipedia. Man sieht also Wörter groß geschrieben, die in normaler Prosa klein geschrieben würden, darunter Verben. (Für Haarspalter: Das Beispiel enthält keine Verben. Für Euch: Let It Be). Auch die Suchergebnisse bei Google zeigen die falsche Schreibung meines Beispiels mehrfach und multipliziert sie so. Wenn etwas häufig unbeanstandet praktiziert wird, wirkt es richtig, auch wenn es falsch ist. Das schafft Verunsicherung. Ähnliches gilt für das Koppeln, den Bindestrich zwischen Hauptwörtern.

Ursache 5: Gesunkene Anforderungen?

Ein anderer Aspekt: Woher stammt die Tendenz, dass wir glauben, wir müssten drei Worte derselben Sorte auf dieselbe Art und Weise schreiben? Woher der Uniformitätsdruck ohne sachliche Grundlage? Wo blieb das Differenzierungsvermögen? Das erste Verb schreiben wir groß, weil es am Anfang steht, die anderen beiden klein, weil sie Teil einer Aufzählung im Satz sind.

Diese Unterscheidung müssten selbst durchschnittliche Praktikanten treffen können. Wenn Sie es nicht können, wie kam es dazu?  Da, wie ich höre und bemerke, auch viele andere Schwierigkeiten bei der Groß- und Kleinschreibung haben, frage ich weiter: Sehen wir hier die Folgen gesunkener Anforderungen und verringerter Stundenzahlen im Deutschunterricht?

Ich möchte nicht kulturpessimistisch erscheinen. Monokausal ist die Frage wohl nicht zu beantworten. Es ist vermutlich eine Mischung aus Unkenntnis, Sendungsbewusstsein und Nachlässigkeit. Daher: Wie auch immer. Richtig geht es jedenfalls so:

Hassen, pöbeln, gaffen.

Und damit soll es für heute gut sein. Jedenfalls fast. Einen habe ich noch: Schwierig ist für viele auch die Frage geworden, wann man nach als ein Komma setzt. Und ich kann mir nicht verkneifen, auf einen weiteren Bock hinzuweisen, den die Öffentlich-Rechtlichen kürzlich geschossen haben: Was ist der Unterschied zwischen seid und seit?

20Nov 2016

Die Wahl zum Jugendwort des Jahres beweist ihre Irrelevanz: Fly sein wurde aufgrund „sprachlicher Kreativität“ und „Originalität“ gewählt. Welches Wort Jugendliche wirklich benutzen.

Langenscheidt-Jugendwort-fly-sein

Und der Sieger ist . . . fly sein. (Bildschirmfoto)

Langenscheidt hat gesprochen: Fly sein ist das Jugendwort des Jahres 2016. Es bedeutet, dass etwas oder jemand besonders abgeht. Muss man sich adverbial mit am vorstellen, also am fly sein. Wieder einmal darf ich anfügen: Nie gehört. Das ist nicht neu, sondern war in der Vergangenheit schon mal so. Da es nicht nur mir so ging, kam die Frage nach der Relevanz der Wahl auf. Denn welche Bedeutung hat eine Wahl, wenn das Wort, das herauskommt, in der Zielgruppe gar nicht benutzt oder auch nur gekannt wird? Mit der Folge, dass von den letzten so genannten Jugendwörtern des Jahres nur yolo tatsächlich gebraucht wird.

Den Relevanzhinweis kann ich mir sparen. Denn bei den Kriterien spielen nicht nur Bekanntheit bzw. der Einsatz eine Rolle, sondern auch „sprachliche Kreativität“ und „Originalität“, wie man der Webseite der Veranstaltung entnehmen kann. Die wiederum legt eine Jury aus Schülern, Studenten, jugendaffinen Medienarbeitern und Sprachwissenschaftlern fest, die Allgemeinheit hat nur Vorschlagsrecht. Was dabei herauskommt, sieht man. Sie sagen sie es zwar offen, aber es nährt den Verdacht, dass der Langenscheidt-Verlag nur die Werbetrommel für sein Buch zur Jugendsprache rühren will, und sich für die Realität gar nicht so interessiert.

Jugendwort pranken

Bevor ich mich auf Content Marketing spezialisierte, war ich u.a. Reporter. Da lernt man, dass man am besten rausgeht und mit Leuten redet, wenn man etwas über das Leben erfahren will. Regelmäßige Leser dieser Kolumne wissen, dass ich eine halbwüchsige Tochter habe. Was also lag näher, als mit ihr in bester Reportermanier über ihr angesagtestes Wort zu reden? Sie ist insofern ein guter Indikator, weil sie auch yolo, den Gewinner 2012, zu ihren regelmäßigen Ausdrücken zählt.

Auf Basis dieser zugegeben kleinen Stichprobe kann ich pranken empfehlen. Kennen Sie auch nicht? Dann sollten Sie mehr YouTube-Videos schauen. Wenn die dortigen Stars wie Bibi, Dagi Bee oder Julien Clips posten, sind vier bis fünf Millionen Klicks die Folge. Hier ein Dagi Bee-Prank, hier einer von Bibi, hier von Julien. Pranken jedenfalls sagt man unter Kids, wenn man jemanden verarschen will, sagt meine Tochter. Das bestätigt auch Gutefrage.net. Komisch, dass ich das nichtmal über die Suche auf jugendwort.de finde. Und das, obwohl mit iBlali sogar ein Youtuber in der Jury sitzt.

Der Rest vom Fest

Zum Teil waren die Vorschläge für die diesjährige Wahl sehr lustig – Beispiele für lebendige Realitätsbeobachtung, guten, scharfen Witz und Sinn fürs Wortspiel. Daher hier als kleine Wiedergutmachung zum Schluss ein paar der besten:

  • isso – Zustimmung, Bekräftigung
  • Bambusleitung – schlechte Internetverbindung
  • Hopfensmoothie – Bier
  • Vollpfostenantenne – Selfiestick
  • Tindergarten – Sammlung von Kontakten beim Online-Dating
  • Banalverkehr – belangloser Chatverlauf
  • Uhrensohn – jemand, der sich zur falschen Zeit wie ein Idiot benimmt.

2015 hieß der Gewinner übrigens Smombie, 2014 Läuft bei Dir. 2013 hatte ich aus Protest gegen Babo (= Anführer, Chef) nicht kommentiert, hier geht’s zum Jugendwort-Eintrag 2012.